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Volksfest am Kap: Südafrika bejubelt WM 2010

Zürich (dpa) - Am Kap knallten Feuerwerkskörper, im Zürcher World Trade Center die Champagnerkorken: Mit einem überschäumenden Freudenfest feierte Südafrika den historischen Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft auf 2010, der ersten auf afrikanischem Boden.

Während von Kapstadt bis Johannesburg die Menschen nach der live übertragenen Entscheidung des Weltverbandes FIFA jubelnd auf die Straßen stürmten, lagen sich in Zürich die WM- Botschafter um ihre Freiheits-Symbolfigur Nelson Mandela überglücklich in den Armen. «Ich fühle mich wie ein 50-jähriger junger Mann», strahlte der 85 Jahre alte Mandela, den Weltpokal in der Hand und Freudentränen in den Augen.

Mit «Mabida»-Sprechchören huldigte die rund 150-köpfige Delegation ihrem ehemaligen Staatschef als Matchwinner eines überraschend schnell entschiedenen Rennens. Bereits nach dem ersten Wahlgang hatten die FIFA-Exekutivmitglieder mit 14:10-Stimmen die absolute Mehrheit für den Favoriten und gegen den Hauptkonkurrenten Marokko gefunden. Ägypten, dem FIFA-Präsident Joseph Blatter die «beste Präsentation» bescheinigt hatte, ging gänzlich leer aus. Libyen wurde kurzfristig erst gar nicht zur Abstimmung zugelassen, weil es keine Einreisegarantien für Israel im Fall der Qualifikation geben wollte.

«Ein Land mit einer solch multikulturellen Gesellschaft und einer solchen Vergangenheit ist sehr gut geeignet, eine WM auszurichten», betonte Blatter, der bereits vor vier Jahren beim hauchdünn mit 12:11 beendeten Duell zwischen Deutschland und Südafrika um die WM 2006 für den schwarzen Kontinent votiert hatte. Franz Beckenbauer sprach von einem verdienten Wahlergebnis und prophezeite: «Südafrika wird ein sehr guter Gastgeber sein.»

Mit Südafrika erhielt nun das Land den Zuschlag, das aus dem Kandidaten-Kreis über die beste Infrastruktur verfügt, den offensivsten Wahlkampf führte und am offensichtlichsten die Regierung als Rückhalt präsentierte. Im Gegensatz zur Enttäuschung vor vier Jahren, als man allzu sehr auf den Mitleid-Bonus nach 300 Jahren Unterdrückung gesetzt hatte, überzeugte der Kap-Staat im zweiten Anlauf zudem durch die geschaffenen Voraussetzungen - und er hatte die einflussreicheren Förderer.

Blatter hatte aus seiner Sympathie für die Südafrikaner nie einen Hehl gemacht, ebensowenig DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Der Deutsche Fußball-Bund hatte den vor vier Jahren unglücklich unterlegenen Konkurrenten im 18-monatigen Wahlkampf aktiv unterstützt. Beckenbauer, DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp und selbst Bundeskanzler Gerhard Schröder, vor vier Jahren in Zürich noch Daumendrücker für Deutschland, hatten sich ebenfalls für Südafrika stark gemacht. Schließlich winken für die deutsche Industrie in dem 44-Millionen-Land weitaus größere Absatzchancen als in Marokko.

«Es waren drei exzellente Bewerbungen. Am Ende hat sich der Favorit durchgesetzt, auch weil er die totale Unterstützung der Regierung hat», betonte Mayer-Vorfelder. Er machte keinen Hehl daraus, dass sich das FIFA-Gremium von der südafrikanischen Prominenz mit Staatschef Thabo Mbeki und gleich drei Friedensnobelpreisträgern habe beeindrucken lassen. Zugleich bot er den Südafrikanern an, nach der Wahlkampf-Hilfe auch bei der Organisation hilfreich zu sein. «Wir stellen unser Know-how zur Verfügung und laden eine Delegation nach Deutschland ein, die die ganze Entwicklung bei uns verfolgen kann.»

Ob dies für ein erfolgreiches Gelingen ausreicht, erscheint zweifelhaft. Sicher dagegen ist, dass in Südafrika millionenschwere Investitionen und enorme Anstrengungen vonnöten sind, um bis zur WM auf Ballhöhe zu kommen. So sind von den 13 geplanten Stadien in elf Städten derzeit lediglich drei WM-tauglich. Mit welchen Mitteln gebaut und renoviert werden soll, ist noch unklar. Das aufgestellte Budget mit einem kalkulierten Etat von rund 500 Millionen US-Dollar wird von den FIFA-Inspektoren als inakzeptabel eingestuft, ebenso die angesetzten Ticketpreise, die das zehnfache der sonst ortsüblichen Preise betragen.

Diese Probleme hätte es in Marokko, das mit einer Bürgschaft von 140 Millionen US-Dollar gelockt hatte, nicht gegeben. Dementsprechend niedergeschlagen zog die auch im vierten Anlauf sieglose Delegation aus dem Königreich wie auch die ägyptischen WM-Botschafter ab. Die nordafrikanischen Länder hatten den Hauptschuldigen für das Scheitern unmittelbar nach Bekanntgabe der Niederlage in «Südafrika-Wahlhelfer» Blatter benannt.

Gemäß dem von der FIFA beschlossenen Rotationsprinzip müssen die Wahlverlierer 24 Jahre warten, ehe wieder ein afrikanisches Land an der Reihe ist. 2014 geht die WM nach Südamerika, vermutlich nach Brasilien und möglicherweise ganz ohne Wahlkampf. Wie aus FIFA-Kreisen verlautete, will keiner gegen den Rekord-Weltmeister antreten.

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