Archiv
Volkswagen vor dem Machtwechsel

Europas größter Autokonzern Volkswagen steht vor einem epochalen Machtwechsel. Mit der Ablösung von Ferdinand Piech an der VW-Spitze durch Bernd Pischetsrieder auf der Hauptversammlung am Dienstag in Hamburg endet nicht nur eine erfolgreiche Ära. Zugleich knüpfen Investoren an das bayerische "Kommunikationstalent" nämlich große Hoffnungen in punkto Informationspolitik.

rtr HAMBURG. Die erwartete größere Offenheit von Pischetsrieder, im Gegensatz zum eher zugeknöpften Piech, dürfte nach Einschätzung von Analysten dann auch dem seit langem dahindümpelnden VW-Aktienkurs wieder neue Auftriebskräfte verleihen.

Analysten rechnen jedoch damit, dass der frühere BMW-Chef Pischetsrieder eine Übergangszeit von ein bis zwei Jahren benötigen wird, bis er Volkswagen vollständig nach seinen Vorstellungen ausgerichtet hat. Vorerst werden deshalb keine weiteren Personalentscheidungen im Konzernvorstand erwartet. Übereinstimmend vertreten Branchenexperten die Ansicht, dass Volkswagen den Übergang von Porsche-Enkel Piech zu Pischetsrieder durch die frühe Entscheidung des Aufsichtsrats im vergangenen September geschickt eingeleitet habe.

"Wenn der Nachfolger feststeht, ist der alte König tot"

Pischetsrieder habe dadurch frühzeitig seine Vorstellungen für die neue Konzernstruktur einbringen können - auch wenn dieses Vorgehen nicht unbedingt den Terminplänen von Piech entsprochen haben dürfte. Der hatte vor der Entscheidung des Aufsichtsrats nämlich gesagt: "Wenn der Nachfolger feststeht, ist der alte König tot, mausetot." In der Folgezeit hielt sich Piech für viele Beobachter dann auch überraschend zurück und überließ seinem designierten Nachfolger weitgehend das Feld.

Piechs Leistungen dürften darüber aber nicht in Vergessenheit geraten, sagt Pattrick Juchemich vom Bankhaus Sal Oppenheim. Der scheidende Vorstandschef, der nun von der Hauptversammlung in den Aufsichtsrat gewählt werden und dort den Vorsitz übernehmen soll, übergebe Volkswagen nach neun Jahren an der Spitze mit einer "annehmbaren" Rendite. Mit dem im vergangenen Jahr erzielten zweiten Rekordgewinn in Folge habe Piech zudem die Messlatte für seinen Nachfolger hoch gelegt.

Piech hat Feld für Pischetsrieder bestellt

Piech hat nach Überzeugung der Analysten auch das Fundament für die von seinem designierten Nachfolger Pischetsrieder für 2002 angekündigte stabile Ertragsentwicklung gelegt. Als wichtige Faktoren dafür, dass der Konzern seinen Gewinn trotz schwacher Automobilkonjunktur in diesem Jahr wie prognostiziert "mindestens" stabil halten kann, werden weitere Kostensenkungen in Milliardenhöhe und die angekündigte größere Marktabdeckung bei Nischenmodellen genannt - wie den auf Golf-Basis geplanten Minivan, den Mircobus oder den geländetauglichen "Touareg", aber auch Roadster, Coupes und so genannte Cross-Over-Modelle. Die von Pischetsrieder selbst eingeführten zwei Markensäulen sollen darüber hinaus die bisher zwischen einzelnen Konzernmarken herrschende Konkurrenz beenden, was Experten ebenfalls begrüßen. "Wenn noch Pischetsrieders Kommunikationstalent hinzukommt, dürfte sich das positiv auf den Kurs auswirken", sagt Juchemich. Beziffern könne man diesen Effekt allerdings nicht.

Auch andere Analysten heben hervor, dass Pischetsrieder eine offenere Informationspolitik für Investoren als sein Vorgänger pflege. Unter Piech war Volkswagen häufig als wenig transparent kritisiert worden. Darunter hatte auch der Aktienkurs gelitten. "Ich habe das Gefühl, die geben jetzt mehr Informationen heraus, nicht nur weil sie das nach den internationalen Bilanzierungsregeln jetzt müssen", sagt Robert Pottmann von Bankhaus MM Warburg. "Wann hat es das schonmal gegeben, dass VW bereits im März einen Hinweis über die Entwicklung der Stückzahlen im ersten Quartal gegeben hat? Das sind Anzeichen, dass man sich öffnet", so Juchemich.

Analyst: Wichtiges Sachen werden weiterhin nicht verraten

Albrecht Denninghoff von der Hypo-Vereinsbank registriert zwar mehr Offenheit, hält Volkswagen aber auch mit der Bilanzierung nach den IAS-Regeln noch nicht für ausreichend transparent. "Wichtige Sachen werden nach wie vor nicht verraten." Mit der Berichterstattung nach den von VW und Audi geführten beiden Markengruppen werde der Konzern vermutlich keine getrennten Ergebnisse für Skoda und Seat ausweisen. "Von mehr Transparenz ist nicht auszugehen", sagt Denninghoff.

Als problematisch sehen Analysten weiterhin das VW-Gesetz an, das dem mit 20 Prozent an Volkswagen beteiligten Land Niedersachen als Hauptaktionär größeren Einfluss bei dem Automobilhersteller gewährt als anderen Aktionären. Außerdem fordern Experten seit längerem, die VW-Vorzugsaktien ohne Stimmrecht in solche mit Stimmrecht umzuwandeln. Damit soll der Grundsatz "eine Aktie, eine Stimme" bei VW eingeführt werden. Das VW-Papier notierte am Freitagvormittag bei 57,83 ? deutlich unter dem Jahreshoch von 62,15 ?.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%