Volkswagenchef ein Jahr im Amt – Konzernvorstände wackeln: Pischetsrieder will VW-Spitze schärfen

Volkswagenchef ein Jahr im Amt – Konzernvorstände wackeln
Pischetsrieder will VW-Spitze schärfen

VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder ist genau ein Jahr im Amt. Langsam wird seine Handschrift deutlich. Nun dürfen sich auch einige Vorstände ihrer Posten nicht mehr sicher fühlen.

hof FRANKFURT/M. Als Bernd Pischetsrieder 100 Tage im Amt war, bescheinigten ihm Mitarbeiter der Wolfsburger VW-Zentrale, dass der Chef sich alles genau angeschaut habe - mehr nicht. Jetzt hat der Chef genug gesehen; und er handelt. Pischetsrieder, der heute vor einem Jahr den Chefposten bei VW von Ferdinand Piëch übernommen hat, wird nicht nur die Führungsstruktur von Europas größtem Autokonzern umbauen. Auch Modellpolitik und Vertriebsstrategie werden sich ändern.

Dass Pischetsrieder an einer neuen Führungsarchitektur arbeitet, steht fest. Sein Ziel ist es, die Abläufe im Konzern effizienter und für ihn transparenter zu machen. Konkret kann dies bedeuten, dass der Konzernvorstand verkleinert und Zuständigkeiten an die Manager in den beiden Konzernsäulen VW (mit Skoda, Bentley und Bugatti) sowie Audi (mit Seat und Lamborghini) delegiert werden.

Konzernvorstände für Vertrieb, Produktion und vielleicht sogar Einkauf wären dann überflüssig. "Das wäre die logische Konsequenz aus der Aufteilung in zwei Markengruppen. Es würde den beiden Säulen mehr Autonomie verleihen", sagt Arndt Ellinghorst, Autoanalyst der WestLB. Ein zusätzlicher und womöglich entscheidender Anreiz für Pischetsrieder: Seine Macht würde sich vergrößern, denn Informationen über diese Bereiche würde er dann, ungefiltert durch Vorstandskollegen, direkt erhalten. Genau dieser Informationsfluss hat bei VW in der Vergangenheit nicht immer reibungslos funktioniert, sagen Beobachter. Mangelnde Koordination innerhalb des Konzerns auch in Beschaffungs- und Produktionsfragen fürchten sie indessen nicht. Dies könnte unter Leitung Pischetsrieders ein zweites Gremium mit allen operativen Führungskräften sicherstellen, heißt es.

Dass Pischetsrieder die Verkleinerung des Vorstandes auf einen Schlag durchzieht, erwartet man dabei nicht. "Es gibt keinen Big Bang, das ist nicht seine Art", heißt es in Wolfsburg. Ein erster Schritt ist mit dem Rauswurf von Vertriebschef Robert Büchelhofer, der wahrscheinlich keinen Nachfolger erhalten wird, bereits getan. Als nächstes könnte das Produktionsressort aufgelöst werden. Schließlich nähert sich Produktionsvorstand Folker Weisgerber mit 62 dem Ruhestand.

Ein Problem könnte dagegen die Auflösung des Ressorts Beschaffung sein. Schließlich wurde Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz von Pischetsrieder-Vorgänger Piëch noch kurz vor seinem Abschied in das Gremium berufen. Heute aber ist Piëch Vorsitzender des Aufsichtsrats, der solche Beschlüsse mittragen muss. "Wie viel Pischetsrieder auf der Hauptversammlung am kommenden Donnerstag über die neue Führungsstruktur sagen wird, hängt auch davon ab, wie sich am Vorabend der Aufsichtsrat verhält", heißt es aus Unternehmenskreisen. In der VW-Spitze selbst gibt man sich bedeckt: "Kein Kommentar zu Gerüchten" heißt die Antwort.

Die Diskussion über Personalmaßnahmen wird jedoch nicht die einzige sein, wenn der Aufsichtsrat eine Bilanz des ersten Jahres Pischetsrieder zieht. Auch die erwartet schlechten Ergebnisse im ersten Quartal werden für Gesprächsstoff sorgen. Die Zulassungszahlen lassen nichts Gutes erwarten: In Westeuropa betrug das Minus beim Konzern mehr als 3 %, der Marktanteil ist gesunken. Besonders schwach war der März auch in Amerika, wo der Konzern 17 % weniger Autos verkauft hat.

Pischetsrieder wird nach dem Ergebnisrückgang 2002 wohl auch in seinem zweiten Jahr einen deutlichen Gewinnschwund melden müssen. Dabei dürfte es jedoch kaum zu Dissens kommen. Schließlich trägt sein Vorgänger dafür einen Teil der Verantwortung. Das Problem, dass Bestseller wie Golf und Passat gemeinsam in die Jahre kommen, kann Pischetsrieder erst in der nächsten Fahrzeuggeneration lösen. Bereits sichtbar werden hingegen die Anstrengungen des VW-Chefs, mehr Nischen- und "Spaßfahrzeuge" anzubieten: Die Produktion eines Roadsters auf Polo-Basis, eines Stadtwagens, eines geländegängigen Luxusgefährts und eines neuen Audi-Coupés sind im Gespräch.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%