Volkswirte: Erst Preise von über 30 Dollar pro Barrel bremsen die Konjunktur
Ölpreis nähert sich der Gefahrenschwelle

Seit gut zwei Monaten befindet sich der Ölpreis im Steigflug. Volkswirte sehen aber noch kein akutes Risiko für das Wachstum in Deutschland und Europa - dafür müsste sich das schwarze Gold weiter verteuern.

ost/wsj DÜSSELDORF. Noch geben sich die Ökonomen gelassen: Entgegen mancher Befürchtung bedroht der seit Mitte Juni steigende Ölpreis aus ihrer Sicht nicht ernsthaft die Konjunktur in Deutschland und der Euro-Zone. Ein Barrel (159 Liter) Nordseeöl der Marke Brent hat sich in den vergangenen zweieinhalb Monaten um gut vier US-Dollar auf über 27 Dollar verteuert - ein Plus von rund 17 %. Zu Jahresbeginn notierte ein Barrel sogar noch bei rund 18 US-Dollar.

Doch die Ökonomen sind sich einig: Erst, wenn der Ölpreis dauerhaft über 30 Dollar klettern sollte, würde dies die Konjunktur hier zu Lande spürbar bremsen. Die bisherigen Wachstumsprognosen würden in diesem Falle Makulatur, meint Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). "Steigen die Preise längere Zeit über 30 Dollar, würde mir langsam mulmig", sagt auch Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der WestLB. "Das würde der Weltwirtschaft noch fehlen, wenn zu allen jetzt schon bestehenden Unsicherheiten noch ein stark steigender Ölpreis hinzu käme." Den westlichen Industrieländern drohe in einem solchen Fall ein markanter Abschwung.

Teueres Öl gefährdet aus mehreren Gründen die Konjunktur

Denn deutlich teueres Öl gefährdet gleich aus mehreren Gründen die Konjunktur: Zum einen steigt dadurch die Inflation, was die Kaufkraft der Verbraucher schmälert. Zum anderen kommen die Gewinne der Unternehmen unter Druck - vor allem in einem schwachen Konjunktur-Umfeld, wenn die Firmen die höheren Kosten nicht an ihre Kunden weiter geben können. Steigt der Ölpreis dauerhaft um 10 Dollar, dämpft dies in den Industrieländern das Wachstum um 0,5 Prozentpunkte, schätzt die OECD.

Das derzeitige Niveau allerdings bereitet den Volkswirten noch wenig Kopfzerbrechen: Sollte der Preis auf dem momentanen Stand verharren, könne dies "zwar einen kleinen Dämpfer für die Konjunktur bedeuten - aber derzeit fällt er noch nicht allzu groß aus", sagt IfW-Ökonom Scheide, auch wenn er einräumt: "Der Ölpreis ist etwas höher als bei unserer letzten Prognose unterstellt." Die Kieler gehen bis Ende 2003 von einem durchschnittlichen Ölpreis von 25 Dollar aus.

Noch keine Risiko für die Weltwirtschaft

Auch Paul Donovan, Volkswirt bei UBS Warburg, macht sich noch keine Sorgen: "Es gibt jede Menge Risiken für die Weltwirtschaft - der Ölpreis gehört aber derzeit nicht dazu." Denn der bisherige Anstieg sei nicht dramatisch. In Europa werde er zudem durch die Aufwertung des Euros abgemildert.

Thomas Hueck von der Hypo-Vereinsbank relativiert ebenfalls: "Die Auswirkungen auf die Konjunktur dürften derzeit vergleichsweise gering sein." Die Preise von 18 Dollar pro Barrel zu Jahresbeginn waren aus seiner Sicht eine Übertreibung nach unten - "weil der Eindruck entstand, dass die Weltwirtschaft vor einer tiefen Rezession steht". Die Unternehmen seien aber nicht davon ausgegangen, dass der Preis dauerhaft so niedrig bleibe - deshalb träfen die derzeiten Anstiege sie nicht so stark.

Der momentane Aufwärtstrend liegt aus Sicht der Ökonomen hauptsächlich an der Sorge vor einem US-Angriff auf den Irak. "Wir haben derzeit einen politischen Ölpreis", sagt Hueck. Mit der fundamentalen Marktentwicklungen sei der Anstieg nicht zu erklären, meint auch Hans-Joachim Ziesing, Energie-Experte des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Das Angebot auf dem Ölmarkt ist relativ hoch, die weltweite Nachfrage dagegen recht schwach."

Kriegsangst treibt Ölpreis

Ohne die Kriegsangst wäre das schwarze Gold daher derzeit deutlich billiger - "der Ölpreis würde wahrscheinlich zwischen 20 und 25 US-Dollar liegen", schätzt Klaus Matthies, Öl-Spezialist beim Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWA.

Falls die Vereinigten Staaten tatsächlich den Irak angriffen, dürfte sich das schwarze Gold zumindest eine Zeit lang weiter verteuern. "Kurzfristig wären dann Preise von 40 Dollar möglich", meint HWWA-Ökonom Matthies. Dass der Preis aber dauerhaft auf diesem Niveau verharre, ist aus Sicht der Ökonomen eher unwahrscheinlich - schließlich sei auch während des Kuweit-Krieges Anfang der 90er-Jahre der Ölpreis nur kurz explodiert und habe sich dann relativ schnell wieder normalisiert. "Die OPEC ein Interesse daran, den Preis nicht zu hoch schießen zu lassen", betont Ziesing. "Sie wollen die Verbraucherländern nicht zur Entwicklung von Alternativen anregen."

Doch macht man sich beim Ölkartell derzeit anscheinend größere Sorgen über einen möglichen Preisverfall, sollte sich die Gefahr vor einem Irak-Krieg verflüchtigen. "Wir müssen uns vor allem hüten, was zu einem Preiskollaps im nächsten Jahr führen könnte", warnt OPEC-Chefökonom Adrian A. Shihab-Eldin. Da die OPEC wie die meisten Volkswirte den derzeit hohen Preis auf die Kriegsangst und nicht ein Angebotsdefizit zurückführt, scheint die Organisation keine Eile zu haben, mit Produktionsausweitung auf eine Preissenkung hinzuwirken.

Quelle: Handelsblatt

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