Volkswirte rechnen mit deutlich steigender Inflation
Deutschland: Die Zeit ist reif für die Zinswende

Mit Spannung hatten die Akteure an den Finanzmärkten der Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag entgegengefiebert.
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DÜSSELDORF. Von Wim Duisenberg erhofften sie sich Hinweise darauf, ob und wann die Euro-Hüter die Zinsen anheben werden. Der EZB-Chef enttäuschte die Analysten nicht. Klar und unmissverständlich wies er auf Risiken für die Preisstabilität hin. Doch angesichts der noch labilen Konjunktur wollten sich die Währungshüter in der vergangenen Woche noch nicht zu einer Straffung der Zinszügel durchringen.

Auf den ersten Blick sieht es tatsächlich so aus, als passten höhere Leitzinsen nicht in die aktuelle wirtschaftliche Landschaft. Denn der Aufschwung in Euroland steht noch auf unsicheren Beinen, die positiven Signale von den Frühindikatoren zeigen sich erst vereinzelt in den harten wirtschaftlichen Daten. Zudem ist die Euro-Inflationsrate zuletzt von 2,4 auf 2,0 Prozent gefallen, den Wert, den die EZB gerade noch für tolerabel hält.

Eine genauere Analyse zeigt jedoch, dass es Zeit für eine Zinsanhebung in Euroland ist. Schon seit Monaten deuten wichtige Frühindikatoren auf eine spürbare Beschleunigung der wirtschaftlichen Aktivität in der zweiten Hälfte 2002 hin. Dafür spricht auch, dass die EZB von Mai bis zum November vergangenen Jahres die Leitzinsen in mehreren Schritten um insgesamt 150 Basispunkte nach unten geschleust hat. Bei der üblichen Wirkungsverzögerung der Geldpolitik von rund einem Jahr wird dies im zweiten Halbjahr 2002 die Realwirtschaft deutlich beleben.

Mit der anziehenden Nachfrage wird auch der Preisauftrieb zunehmen. Besser ausgelastete Kapazitäten stärken die Preissetzungsmacht der Unternehmen. Viele Firmen werden das für Preiserhöhungen nutzen. Vor diesem Hintergrund muss auch der aktuelle Rückgang der Preissteigerungsrate auf 2,0 Prozent relativiert werden, zumal er vor allem auf einem Basiseffekt beruht. So hatten sich Energie und Nahrungsmittel im Mai 2001 stark verteuert. Das dämpft nun den Vorjahresvergleich. Die Kernrate der Inflation, ohne Energie- und Nahrungsmittel, liegt dagegen bei rund 2,5 Prozent.

Eine Gefahr für die Preise geht auch von den kräftigen Lohnerhöhungen aus. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern wie etwa Spanien drücken steigende Lohnkosten auf die Gewinne der Unternehmen. Sobald sich die Konjunktur belebt, werden die Firmen die höheren Kosten auf die Preise aufschlagen. Die Volkswirte der Commerzbank rechnen schon damit, dass sich die Kernrate der Inflation bis zum Jahresende auf drei Prozent beschleunigen wird.

Der Geldmantel für einen derart kräftigen Preisauftrieb ist vorhanden. Schon seit Monaten expandiert die Geldmenge M3 mit Raten von rund 7,5 Prozent. Das sind drei Prozentpunkte mehr als der Referenzwert der EZB vorsieht. Zur Erklärung verweisen die Währungshüter darauf, dass die Anleger wegen der Unsicherheiten am Aktienmarkt ihre Gelder in risikoarme Anlageformen wie Termineinlagen und Geldmarktfonds umgeschichtet haben, die in M3 eingehen. Doch ist es keineswegs sicher, dass diese Mittel - wie die EZB hofft - schon bald wieder an den Aktienmarkt zurückfließen werden. Die Anleger könnten sich auch anders besinnen und das Geld, zumindest in Teilen, für den Konsum verwenden. Das würde die Preise auf breiter Front weiter in die Höhe treiben.

Bilden sich an den Finanzmärkten, bei Bürgern und Unternehmen aber erst einmal höhere Inflationserwartungen, kann die Notenbank diese nur mit einem kräftigen Tritt auf die geldpolitische Bremse bekämpfen. Das würde den sich abzeichnenden Aufschwung mit Sicherheit aus der Bahn werfen.

Um es nicht so weit kommen zu lassen, sollte die EZB die Zinsen bald anheben. Denn mit der Geldpolitik ist es wie mit dem Autofahren: Rechtzeitig den Fuß vom Gaspedal zu nehmen ist allemal besser als ein spätes und radikales Bremsmanöver.

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