Volkswirte rechnen mit Stagnation
Ökonomen geben das Jahr 2003 verloren

Die Konjunkturforscher haben sich verrechnet. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist zu Jahresbeginn unerwartet geschrumpft. Die Importe sind stärker gestiegen als die Exporte, und die Bauproduktion ist offenbar noch stärker als vorhergesagt eingebrochen. Zudem schwächelt der Dienstleistungssektor.

HB/pbs DÜSSELDORF. Deutschland steckt in der Rezession. Was Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) am Mittwochabend in Hannover vor Managern ausgeplaudert hatte, wurde gestern vom Statistischen Bundesamt offiziell gemeldet: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im ersten Quartal um 0,2 % gegenüber dem vierten Quartal zurückgegangen und um 0,5 % gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen. Bereits im vierten Quartal 2002 war die Wirtschaftsleistung um 0,03 % geschrumpft. Schrumpft das BIP in zwei aufeinander folgenden Quartalen, ist die technische Definition für eine Rezession erfüllt.

"Das hat mich sehr überrascht", kommentiert Wolfgang Wiegard, Vorsitzender des deutschen Sachverständigenrates, die aktuellen Wachstumszahlen. Volkswirte hatten mit einem Zuwachs von rund 0,2 % gerechnet. Weil das gesunkene Wachstum auf das ganze Jahr durchschlage, sei die Prognose der Regierung von 0,75 % - an der diese weiterhin festhält - "kaum noch zu halten". "Wir können froh sein, wenn es überhaupt noch 0,5 % werden", sagt Wiegard. Bankenökonomen sind noch pessimistischer: Andreas Scheuerle von der Deka-Bank rechnet jetzt nur noch mit einem Wachstum von 0,2 % im gesamten Jahr. "Wir werden dieses Jahr wohl fast überhaupt kein Wachstum haben", sagt Gerd Haßel von der ING BHF-Bank. Tatsache ist, dass die deutsche Wirtschaft nunmehr seit drei Jahren stagniert. Anders als bei den vergangenen großen Rezession in Deutschland gibt es für den aktuellen Abschwung aber keine eindeutige Initialzündung - wie beispielsweise einen Ölpreisschock.

Bundesfinanzminister Eichel ist indes weiter optimistisch: "Die Chancen stehen gut, dass sich die konjunkturelle Erholung fortsetzt und in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas stärker wird," sagte Eichel. "Das hören wir nun schon seit Jahren, dass die Wirtschaft sich im zweiten Halbjahr erholen soll", gibt sich Ullrich Heilemann, Konjunkturexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), desillusioniert.

Schuld an der Misere sei das schwache Wachstum der Exporte - dem im ersten Quartal ein deutlich stärkerer Zuwachs der Importe gegenüberstand, schrieben die Statistiker gestern in einer Schnellmeldung - die erste ihrer Art überhaupt. Die Details werden am kommenden Donnerstag veröffentlicht. Auch im Vorjahresvergleich habe der geringere Exportüberschuss das Wachstum negativ beeinflusst, argumentiert das Statistische Bundesamt weiter. Allerdings habe bei diesem Vergleich der Anstieg des Verbrauchs und der Investitionen im Inland zu Wirtschaftswachstum geführt.

Die Aufwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar hat offenbar deutliche Spuren hinterlassen, denn sie verbilligt die Einfuhren, während sie deutsche Produkte auf dem Weltmarkt verteuert. Einen weiteren Grund für den deutlichen Anstieg der Importe sieht Eckhardt Wohlers, Konjunkturexperte des Hamburgischen-Weltwirtschaftsarchivs (HWWA) in den Auswirkungen des Irak-Krieges. Viele Unternehmen hätten in Erwartung der Kampfhandlungen vorsorglich Importe vorgezogen - vor allem Öl und Rohstoffe.

Warum aber ist das Wachstum schwächer als erwartet ausgefallen? An der Industrieproduktion hat es nicht gelegen. Sie ist um 0,4 % gegenüber dem vierten Quartal 2002 gestiegen. Andreas Cors, Konjunkturexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), das noch in der vergangenen Woche einen Anstieg um 0,3 % für das erste Quartal errechnet hatte, nennt dafür drei Gründe: "Die Bauproduktion ist zwischen Januar und März offenbar nicht nur eingebrochen, sondern regelrecht untergegangen", sagt Cors. Bisher waren die DIW-Ökonomen von einem Rückgang um 4,7 % gegenüber dem Schlussquartal 2002 ausgegangen - jetzt sei ein Minus im "zweistelligen Bereich" nicht mehr auszuschließen. Einen zweiten Grund sieht Cors in der nicht vorhergesehenen Verschlechterung der Lage im Dienstleistungssektor, einem bisher traditionell starken Bereich. Cors hat einen Rückgang der Erwerbstätigenzahl im Service-Sektor beobachtet, der auf eine geringere Wertschöpfung hindeute. Schließlich seien die Steuereinnahmen deutlicher als erwartet gesunken.

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