Volkswirte rechnen mit weiteren Zinssenkungen
US-Wirtschaft erholt sich nur langsam

Die Konjunkturwende in den USA könnte weniger robust ausfallen als erhofft. Hoffnungen richten sich nun auf staatliche Konjunkturprogramme und weitere Zinssenkungen.

NEW YORK. Die wirtschaftliche Erholung in den USA wird frühestens im März 2002 einsetzen und womöglich nur von kurzer Dauer sein. Das ergab eine Umfrage des Handelsblatts unter namhaften Volkswirten in New York und Washington. "Ich rechne mit einem starken, aber kurzlebigen Aufschwung", sagt David Wyss, Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor?s in New York.

Die Wende lässt offenbar länger auf sich warten, als viele Investoren es nach dem Stimmungsumschwung an den Aktienmärkten erhoffen. "Die Börse läuft der wirtschaftlichen Entwicklung etwa sechs Monate voraus", sagt Cary Leahey von der Deutschen Bank in New York. Die Wirtschaft werde die Talsohle vermutlich erst im Frühjahr 2002 erreichen. Damit erhöht sich der Druck auf den US-Kongress, das geplante Konjunkturpaket im Umfang von bis zu 100 Mrd. $ möglichst schnell zu verabschieden. Präsident George W. Bush forderte die Parlamentarier am Wochenende auf, ihm bis Weihnachten einen Gesetzentwurf zuzuleiten. Zudem wird eine erneute Zinssenkung der amerikanischen Notenbank am 11. Dezember immer wahrscheinlicher.

Wie tief die USA in einer Rezession stecken, zeigt der Wachstumseinbruch im 3. Quartal. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte von Juli bis September mit einer Jahresrate von 1,1%. Das Handelsministerium hatte den Wachstumseinbruch zunächst nur auf 0,4% geschätzt.

Sorge bereitet den Ökonomen vor allem die nachlassende Konsumfreude. Im 3. Quartal stieg der private Verbrauch nur noch um 1,1% - der niedrigste Zuwachs seit acht Jahren. Die Verbraucher generieren etwa zwei Drittel der Wirtschaftskraft in den USA und sind somit die wichtigste Stütze der Wirtschaft. Die Experten befürchten, dass der Konsum mit steigender Arbeitslosigkeit noch weiter zurückgeht. Dennoch gibt es einige Lichtblicke: Die US-Unternehmen haben im 3. Quartal im Umfang von 60 Mrd. $ noch einmal ihre Läger abgebaut, so dass die Chancen auf ein baldiges Wiederanspringen der Industrieproduktion steigen.

Zudem sind die Investitionen der Firmen nicht weiter gefallen. "Spätestens im zweiten Halbjahr 2002 wird die US-Wirtschaft einen sehr starken Aufschwung erleben", sagt Fred Bergsten, Direktor des Institute for International Economics in Washington. Auch Fed-Chef Alan Greenspan glaubt, dass die USA dank hoher Produktivität und Flexibilität die aktuelle Krise meistern. Diese Vorteile würden den USA auch in den nächsten Jahren einen Wachstumsvorsprung sichern, sagte Greenspan in Washington.

Dieser Optimismus wird nicht von allen geteilt. Nach einer Umfrage des Münchener Ifo-Instituts unter Wirtschaftsexperten weltweit können die USA und Europa in den nächsten drei bis fünf Jahren nur mit einem Wachstum von jährlich 2,2 % rechnen. Zumindest die USA blieben damit weit unter ihren Möglichkeiten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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