Volkswirte sehen erste Anzeichen für eine Kreditklemme
Bankenkrise wird zur Gefahr für die Realwirtschaft

Die Wirtschaftsflaute beschert den deutschen Banken immer mehr faule Kredite und auch die Börsenbaisse bringt die Bilanzen in Schieflage. Die Folge: Die Banken verleihen immer weniger neues Geld, die Unternehmen haben Probleme, Investitionen zu finanzieren. Es droht ein Teufelskreis.

DÜSSELDORF/FRANKFURT/M. In der deutschen Wirtschaft riecht es immer stärker nach japanischen Verhältnissen: Die Banken sitzen auf einem rasant wachsendem Berg fauler Kredite, der Börsencrash bringt ihre Bilanzen in Schieflage - und vor allem Mittelständler haben es zunehmend schwer, Geld für rentable Investitionsprojekte zu bekommen.

"Noch sind die Banken in Deutschland nicht so krank wie in Japan - aber sie werden immer kränker", sagt Holger Schmieding, Europa-Volkswirt bei der Bank of America. Durch die stetig steigenden Firmenpleiten wüchsen derzeit die faulen Kredite pro Jahr um rund 30 %. "Wenn diese Entwicklung über mehrere Jahre weitergeht, dann bekommen wir ein echtes Problem", sagt Schmieding. Und sogar die meist zurückhaltende Bundesbank warnt: Dauert die wirtschaftliche Stagnation an, werde sich die Lage weiter verschärfen. Deutschland drohe eine "langanhaltende Schwächephase" - dann würden "Anspannungen im Banken- und Finanzsystem zunehmen", schrieb die Notenbank jüngst in einem Brandbrief an die Bundesregierung.

Schon heute legen die Finanzhäuser immer mehr Geld für potenziell platzende Kredite zur Seite. Die Risikovorsorge hat in den vergangenen Jahren dramatische Ausmaße angenommen: 2002 stellten die Kreditinstitute rund 28 Mrd. Euro für ausfallbedrohte Kredite und Beteiligungen zurück, schätzt der Bundesverband deutscher Banken - gegenüber 2001 ein Plus von 51 %. Noch 1995 summierte sich die Risikovorsorge nur auf 10,5 Mrd. Euro. "Die Zahlen für 2002 übertreffen alles, was selbst große Pessimisten erwartet hatten", sagt Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

Das Problem zieht sich durch alle Gruppen der deutschen Kreditwirtschaft. Spitzenreiter ist die Hypo Vereinsbank - (HVB), die 3,8 Mrd. Euro wertberichtigen musste (Grafik). Doch auch anderswo schoss die Risikovorsorge auf neue Rekorde - zum Beispiel bei der Bayerischen Landesbank mit 2,2 Mrd. Euro und der DZ Bank mit rund 1,2 Mrd. Euro. Diese Entwicklung hat gleich mehrere Ursachen: Das drastisch verschlechterte wirtschaftliche Umfeld in Deutschland führt zu immer mehr Insolvenzen - betroffen sind zunehmend auch Groß-Firmen wie Kirch. Zudem zahlen die Banken die Zeche für die starke Expansion im Ausland - Mega-Pleiten wie Enron, Worldcom und Swissair hinterlassen tiefe Spuren in den Bilanzen.

Die Folge: Die Finanzhäuser verleihen immer weniger frisches Geld an Unternehmen. Die Kreditvergabe der Banken ist nominal so gering wie seit Mitte der 70er-Jahre nicht mehr, real ist sie sogar negativ. "Seit dem ersten Quartal 2001 gibt es einen klaren Strukturbruch in der Kreditvergabe", sagt Sinn.

Ein mageres Kreditwachstum ist in einer wirtschaftlichen Schwächephase per se nicht ungewöhnlich. Denn wenn die Konjunktur stottert, halten sich Unternehmen mit Investitionen zurück und leihen sich daher weniger Geld. Gefährlich wird es für die Gesamtwirtschaft erst dann, wenn nicht nur die Nachfrage, sondern auch das Angebot an Krediten sinkt - Ökonomen sprechen von einem "Credit Crunch".

Eine solche Kreditklemme kann zu einem gefährlichen Teufelskreis führen: " Insbesondere kleinere Unternehmen kommen dann in Finanzierungsnot", betont Ifo-Chef Sinn. "Sinnvolle Investitionen unterbleiben. Dies verhindert, dass neue Jobs entstehen und führt zu einer weiterhin schwachen Nachfrage." Im schlimmsten Fall geraten dadurch andere Unternehmen in Not und bescheren den Banken noch mehr faule Kredite.

Inzwischen verdichten sich die Anzeichen, dass es in Deutschland eine Kreditklemme zumindest ansatzweise gibt. Eine im März veröffentlichte Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau zeigt: 45 % der deutschen Unternehmer hatten es 2002 schwieriger als früher, an Kredite zu kommen. 2001 waren es nur 32 %. Vor allem Mittelständler beklagten sich.

Selbst die Bundesbank, die noch im Herbst 2002 wie auch der Sachverständigenrat keine Signale für einen "Credit Crunch" sah, räumte im Februar-Monatsbericht ein: "Verschiedentlich scheint auch die größere Zurückhaltung der Banken im Neugeschäft zu der schwachen Kreditentwicklung beigetragen zu haben" - in den Finanzhäusern sei es zu einem "verschärften Risikobewusstsein" gekommen. "Die Bundesbank formuliert betont vorsichtig", erklärt Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der WestLB. "Ich lese die Monatsberichte seit 30 Jahren: Wenn die Bundesbank einen solchen Satz schreibt, dann ist an dem Argument was dran."

Kein Wunder, dass Volkwirte die Entwicklung mit wachsender Sorge beobachten: "Deutschland droht wie Japan in einen Teufelskreis zu geraten", warnt Robert Prior, Ökonom bei der Bank HSBC. Andere Volkswirte sehen es nicht ganz so dramatisch: "Die größere Risikoaversion der Banken könnte sich in einem Aufschwung als Bremse erweisen - aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass sie einen weiteren Abwärtssog auslöst", sagt Jens Weidmann, Generalsekretär des Sachverständigenrates.

Noch werten die Ökonomen die restriktivere Kreditvergabe als Signal, dass die Banken versuchen, ihre Profitabilität zu retten. "Es geht um die Verbesserung der Margen und noch nicht um die Sicherung der Liquidität", sagt Schmieding von der Bank of America. Die Gewinnspanne der deutsche Finanzhäuser gilt im internationalen Vergleich als niedrig - vor allem wegen der Strukturprobleme der Branche. "Deutschland ist mit 2 500 Banken over-banked", betont Prior.

Möglicherweise verschäft die Regierung die Struktur-Probleme der Banken aber - mit der Gründung der Mittelstandsbank, warnen Volkswirte. Das neue Institut soll Kredite zu Vorzugskonditionen an den Mittelstand vergeben. HVB - Ökonom Julian von Landesberger befürchtet: "Damit könnte das gesamte Preisniveau und die Margen weiter ins Rutschen kommen."

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