Volkswirte vermuten Kompromiss
Kleiner Zinsschritt enttäuscht Anleger und Wirtschaft

Die Leitzinssenkung um 25 Basispunkte durch die Europäische Zentralbank (EZB) ist an den Börsen sowie von Wirtschaftsverbänden mit Zurückhaltung bis Enttäuschung aufgenommen worden. Insbesondere an den Märkten hatten Händler mit einer "großen" Senkung um 0,50 Prozentpunkte gerechnet. Die Wirtschaftsverbände warnten, der Zinsschritt sei kein ersatz für notwendige Strukturreformen.

HB FRANKFURT. Analysten äußerten sich überwiegend enttäuscht über die von ihnen als halbherzig empfundene Zinssenkung und gehen jetzt von weiteren Senkungen aus. "Die 25 Basispunkte sind weder Fisch noch Fleisch", sagte Julian von Landesberger, Volkswirt von der Hypo-Vereinsbank. Dies werde weder die Finanzmärkte beruhigen noch für mehr Vertrauen in der Wirtschaft sorgen. Ähnlich urteilte Philip Shaw, Chefvolkswirt bei Investec. Die Senkung um 25 Basispunkte sei zu vorsichtig, "vor allem wenn man bedenkt, dass es keine klaren Zeichen für eine Erholung der Wirtschaftsaktivität in der Euro-Zone gibt." Die meisten Händler hatten im Vorfeld der Entscheidung mit einer vergleichsweise aggressiv Senkung des Zinssatzes um einen halben Prozentpunkt gerechnet. Die Notenbank müsse japanische Verhältnisse vermeiden und die Deflationsgefahr zerstreuen, hatte es zur Begründung geheißen.

Die EZB sei sich offenbar doch noch nicht im Klaren über ihre Konjunkturerwartungen, sagte Landesberger. Adolf Rosenstock von Nomura International vermutete, dass ein Kompromiss verschiedener Einschätzungen hinter dem Beschluss stecke. Die Analysten waren sich einig, dass nun noch weitere Zinssenkungen zu erwarten sind. Karsten Junius von der Deka Bank, die mit nur 25 Basispunkten gerechnet hatte, sagte, die EZB habe Spielraum für eine weitere Zinssenkung, wenn sich der Irak-Konflikt verschärfe und werde spätestens im Mai wieder handeln.

Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt bei Credit Suisse First Boston vermutete, dass der EZB-Rat selten so uneins gewesen ist wie bei seiner Sitzung an diesem Donnerstag. Er meinte, vor allem im EZB-Direktorium dürfte der Wunsch nach einer stärkeren Zinssenkung bestanden haben. Hingegen dürften vor allem einige nationale Notenbankpräsidenten - in Anlehnung an die Aussagen von EZB-Präsident Duisenberg vor einem Monat - auf die hohe Unsicherheit hingewiesen haben, in deren Umfeld eine Zinssenkung verpufft wäre. Damit interpretierte auch Callow die Entscheidung des EZB-Rates als Kompromiss.

Besonders kritisch ins Gericht mit dem Ratsbeschluss ging auch Silvia Pepino von J.P. Morgan. Ihrer Ansicht macht die kleine Zinssenkung makroökonomisch wenig Sinn. Selbst unveränderte Leitzinsen wären ihrer Einschätzung nach vernünftiger gewesen. Wie die anderen EZB-Watcher erwartet auch sie, dass die EZB mit dem heutigen Zinsschritt noch nicht das Ende des Zinssenkungszyklus erreicht hat.

Die Wirtschaftsverbände begrüßten den Zinsschritt weitgehend, ohne dabei aber in Jubel auszubrechen. Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) bewertete die Zinssenkung als hilfreich, sie sei aber kein Ersatz für Strukturreformen, warnte er. Der Zinsschritt sei angesichts des nachlassenden Preisdrucks und der ungünstigen Konjunkturperspektiven für den Euro-Raum "gerechtfertigt", schreibt der Bdb in einer Stellungnahme. Inflationsrisiken seien mit dieseer Maßnahme nicht verbunden. An die Leitzinssenkung sollten allerdings keine all zu großen Hoffnungen für die Konjunktur im Euro-Raum geknüpft werden.

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) bezeichnete die Zinssenkung als akzeptabel. Der Preisauftrieb halte sich im Zaum. Deshalb sei die neuerliche Zinsmaßnahme keineswegs als ein Umschwenken auf eine verstärkte Konjunkturorientierung der Geldpolitik zu deuten. Es bleibe vielmehr beim eindeutigen Vorrang der Preisstabilität. Auch der DSGV erwartet von der Zinsermäßigung keine deutliche konjunkturstimulierende Wirkung. "Denn der Zins war und ist nicht der Bremsklotz, der einer wirtschaftlichen Belebung entgegensteht."

Nach Ansicht des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) hat die EZB "das richtige Signal gesetzt". Damit demonstriere sie ihre Bereitschaft, die negativen konjunkturellen Wirkungen des Energiepreisanstiegs abzufedern, auch wenn damit eine Rückkehr zu stabilen Preisen im Euro-Raum verzögert werde. Inflationsrisiken gingen im Euro-Raum momentan fast ausschließlich von den Energiepreisen aus. Entlastend auf den Verbraucherpreisanstieg wirke sowohl die Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar als auch die schwache Konjunktur.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht die Zinssenkung durch die hohe Preisstabilität, den starken Außenwert des Euro und die schwierige Konjunkturlage gerechtfertigt. Angesichts der Verunsicherung der Investoren und Verbraucher sollten jedoch keine Wunder erwartet werden, erklärte der BDI. Die Zinssenkung verpuffe, wenn nicht auch die Wirtschaftspolitik ihren Beitrag durch entschlossene Reformen endlich leiste.

Für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag erscheint die Zinssekung angesichts nachlassender Preisrisiken als folgerichtig. Es sei allerdings nicht zu erwarten, dass sie eine durchschlagende Wirkung zur Konjunkturbelebung entfalten könne. Richtig sei aus Sicht des DIHK, dass die EZB die Leizinsen nur um 25 Basispunkte senke. Damit bewahre sie sich Handlungspielraum für den Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung im Irak.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat an die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) Hoffnungen auf bessere Bedingungen für eine wirtschaftliche Erholung in Deutschland geknüpft. "Mit seinem Zinsschritt hat der EZB-Rat in dieser schwierigen Zeit die Perspektiven für eine wirtschaftliche Erholung verbessert", sagte der Minister in Berlin. Auch Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) begrüßte den Zinsschritt.

Vor der Bekanntgabe des Zinsschritts hatten bereits die englische Notenbank und die Schweizerische Nationalbank SNB ihre Zinsentscheidungen bekannt gegeben. Die SNB ging zur Überraschung von Experten beherzter vor als die EZB und beschloss eine Satzreduktion um 0,50 %, während die Bank of England ihren Schlüsselzins wie erwartet bei 3,75 % beließ.

Die Schweiz rückt damit noch mehr in die Nähe von Nullzinsen. Das Zinszielband der SNB für den Dreimonats-Libor reicht von 0,00 bis 0,75 % nach bisher 0,25 bis 1,25 %. Die SNB begründete ihren Schritt mit der anhaltenden weltweiten politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten. Diese wirkten sich negativ auf die Wirtschaftslage in der Schweiz aus und könnte die für 2003 erwartete Konjunkturerholung verzögern, hieß es. Die SNB wolle in dieser schwierigen Lage einer Verschärfung der monetären Rahmenbedingungen über eine Aufwertung des Frankens entgegentreten. Die Lockerung gefährde die Preisstabilität in der Schweiz nicht.

Das Vorgehen der SNB zeigt nach Ansicht von Hanspeter Hausheer von UBS Warburg, wie beunruhigt die SNB über die jüngste Aufwertung des Frankens war. In den vergangegen Tagen hatte die SNB fast täglich versucht mit "rhetorischen Interventionen" gegen die Frankenaufwertung vorzugehen.

Die Bank von England begründete ihre Entscheidung nach dem zweitägigen Treffen ihres geldpolitischen Ausschusses nicht. Volkswirte hatten fast durchweg einen unveränderten Schlüsselzins vorausgesagt. Im Februar hatte die Notenbank noch mit einer Zinssenkung für eine Überraschung an den Märkten gesorgt. Der Leitzins liegt derzeit in Großbritannien auf dem niedrigsten Stand seit 1955.

Mit niedrigeren Leitzinsen sinken in der Regel auch die Kreditkosten. So können Unternehmen und Verbraucher ihre Investitionen günstiger finanzieren. Ihre Wirkung auf das volkswirtschaftliche Wachstum entfalten Zinssenkungen aber in der Regel erst mit einer Zeitverzögerung.

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