Volkswirte werten Rücktrittsankündigung grundsätzlich positiv – Euro-Kurs reagiert kaum: Nachfolge-Gerangel wird dem Euro schaden

Volkswirte werten Rücktrittsankündigung grundsätzlich positiv – Euro-Kurs reagiert kaum
Nachfolge-Gerangel wird dem Euro schaden

Auf den Kurs des Euros hatte die Rücktrittsankündigung von EZB-Chef Wim Duisenberg am Donnerstag nur geringen Einfluss.

nw HB FRANKFURT/M. EZB-Präsident Wim Duisenberg hat den Zeitpunkt seines Rücktritts nach der Einschätzung von Volkswirten klug gewählt. Die Finanzmärkte sähen nun die Chance, dass sein Nachfolger in einem zügigen und transparenten Verfahren gefunden werde. Es gibt allerdings auch kritische Stimmen, die fürchten, die Märkte werden weiter Vertrauen in die politische Unabhängigkeit der EZB verlieren. Auf den Kurs des Euros hatte die Rücktrittsankündigung Duisenbergs am Donnerstag nur geringen Einfluss. Sollte es in den kommenden Monaten allerdings zu einem heftigen politischen Gerangel über Duisenbergs Nachfolge kommen, werde dies dem Euro erheblich schaden, so die Meinung der befragten Volkswirte.

"Der Markt sieht es positiv, dass der Zeitpunkt der Duisenberg-Nachfolge jetzt klar ist", sagt Neil MacKinnon, Chef-Devisenstratege von Merrill Lynch in London. "Aber jetzt will der Markt wissen, wer wird neuer EZB-Präsident?" Die Akteure auf den Finanzmärkten hätten aber derzeit weder eine klare Erwartung noch eindeutige Präferenzen für einen Nachfolger.

Der französische Notenbankgouverneur Jean-Claude Trichet sei fachlich sehr kompetent, auch der derzeitige EZB-Vizepräsident Christian Noyer sei eine ausgezeichnete Alternative, sagt etwa Klaus Friedrich, Chefvolkswirt des Allianz/Dresdner Bank-Konzerns. Beide Notenbanker würden die Politik Duisenbergs mit einem klaren Bekenntnis zur Preisstabilität fortführen. Friedrich räumt allerdings Noyer die größeren Chancen ein: "Eine schnelle Entscheidung für den derzeitigen EZB-Vizepräsidenten würde die Märkte beruhigen und für Kontinuität in der Geldpolitik sorgen."

Für die Volkswirte ist jetzt vor allem entscheidend, dass die EZB nicht durch politisches Gerangel und eine schwache Rolle Duisenbergs als "lahme Ente" an Glaubwürdigkeit verliert. Dies würde den Euro in den kommenden Monaten unter Druck setzen. "Der vorzeitige Rücktritt kann problematisch sein, da er das Vertrauen in die Unabhängigkeit der EZB schwächt", sagt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital. Die Glaubwürdigkeit der EZB basiere vor allem auf dem Vertragswerk, dass ihre Unabhängigkeit sichern soll, weniger auf den Personen. Würden diese Regeln verletzt, sei dies auch ein schlechtes Signal für den Euro. Ähnlich lautet die Einschätzung von Thomas Mayer, Chefvolkswirt von Goldman Sachs: "Leider weckt die Ankündigung Duisenbergs unangenehme Erinnerungen an die Umstände seiner Ernennung. Nach französischer Lesart gab es ja ein politisches Abkommen, dass er vorzeitig aus dem Amt gehen wird. Duisenberg wird nun umso mehr darauf achten müssen, dass keine Zweifel an seiner politischen Unabhängigkeit und der der EZB aufkommen."

Wird es an der Notenbankspitze ein Machtvakuum geben? Diese Befürchtung haben die befragten Volkswirte nicht. "Wir sollten davon ausgehen, dass der EU-Rat sich bald auf einen Nachfolger einigt", sagt Mayer. Duisenberg habe gerade durch die Wahl des Zeitpunkts gezeigt, dass er das Heft des Handelns in der Hand hat, glaubt Friedrich.

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