Volkswirtschaft
Größere Fragezeichen hinter dem Aufschwung

Ein nachhaltiger Aufschwung der deutschen Wirtschaft rückt für eine wachsende Zahl von Volkswirten immer weiter in die Ferne.

Reuters FRANKFURT. Am Donnerstag senkte die HypoVereinsbank ihre Wachstumsprognose für Deutschland drastisch auf 0,25 Prozent von zuvor 1,0 Prozent für 2002. "Es trennt uns wirklich ganz wenig von einer Rezession", sagte Thomas Hueck, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bank, am Donnerstag zu Reuters. Auch in den anderen deutschen Großbanken wachsen die Zweifel über die Konjunktur. Jüngster Anlass zur Sorge waren die überraschend stark eingetrübten Geschäftserwartungen der Unternehmen, die den Ifo-Indexes auf 89,9 im Juli von 91,3 im Vormonat sinken ließen.

Die bisherige Wirtschaftsentwicklung enttäuschte selbst die schon zuvor pessimistischen Volkswirte der HypoVereinsbank. "Wir hatten schon Anfang des Jahres das Gefühl, dass es nur eine konjunkturelle Zwischenerholung geben wird", sagte Hueck. Es sei bereits zu sehen, dass sich die Vermögensverluste durch die fallenden Aktienkurse realwirtschaftlich bemerkbar machten. Die Stimmungsindikatoren gingen zurück und Deutschland verzeichne eine in diesem Ausmaß unerwartete Zahl an Firmenpleiten. Für 2003 erwarte die Bank nur noch ein Wachstum von 1,0 Prozent statt bisher 2,0 Prozent.

Auch DZ-Bank-Volkswirt Bernd Weidensteiner hat eine stärkere Konjunkturbelebung noch in diesem Jahr fast abgeschrieben: "Der Aufschwung 2002 findet wohl nicht statt. Die Stimmung ist viel schlechter geworden, was sehr stark an den Turbulenzen an den Finanzmärkten liegt." Dies könnte die Unternehmen mit Investitionen und Neueinstellungen zögern lassen. Eine erneute Rezession halte er zwar für unwahrscheinlich, allerdings fehle rein statistisch nicht viel dazu. Nach der gängigen Definition befindet sich eine Volkswirtschaft in einer Rezession, wenn das BIP zwei Quartale in Folge zum Vorquartal schrumpft.

Gernot Nerb vom Münchener Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) sprach von einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass sich die deutsche Konjunktur noch einmal merklich abkühlt, ohne allerdings wieder in eine Rezession zu rutschen. Auch die Commerzbank erwägt, ihre vergleichsweise optimistische Prognose von 1,0 Prozent Wachstum für 2002 zu senken. "Wir müssen uns unsere 2002-Prognose noch einmal anschauen. Möglicherweise müssen wir sie senken", sagte Ralph Solveen. Noch gehe er von einem Aufschwung im weiteren Jahresverlauf aus, der aber schwächer als bislang erwartet ausfallen dürfte. Bei der Deutschen und Dresdner Bank hieß es jeweils, die Prognosen seien erst vor kurzem gesenkt worden. Noch im Frühjahr führte die Deutsche Bank mit ihrer Prognose von 1,6 Prozent die Optimisten an. Inzwischen geht sie nur noch von 0,7 Prozent aus, weil schwache Aktienmärkte und der Anstieg des Euro die Konjunktur belasteten. Die Dresdner-Bank-Prognose liegt nun bei 1,0 (1,3) Prozent in diesem Jahr.

Bei der jüngsten Reuters-Quartalsumfrage hatten die Volkswirte im Mittel angegeben, für die zweite Jahreshälfte noch immer eine Beschleunigung der Erholung und für 2002 - ebenso wie die sechs führenden Wirtschaftsinstitute - ein Wachstum von 0,9 Prozent zu erwarten. Die offizielle Prognose der Bundesregierung, die stets als vorsichtig bezeichnet wurde, liegt bei 0,75 Prozent.

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