Vollbeschäftigung
Wenn Glos träumt

So viel Optimismus gab es schon lange nicht mehr: In Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften wird angesichts anhaltend positiver Nachrichten von der Bundesagentur für Arbeit Vollbeschäftigung wieder für eine realistische Perspektive gehalten. Doch im Zuge der demografischen Entwicklung dürften auf den Arbeitsmarkt neue Probleme zukommen.

BERLIN. Vollbeschäftigung - der Begriff spielte in der öffentlichen Diskussion über lange Zeit überhaupt keine Rolle mehr. Angesichts von Arbeitslosenzahlen, die jahrelang auf hohem Niveau verharrten und Anfang 2005 sogar den Wert von fünf Millionen überschritten, hatten die meisten Politiker den Begriff aus ihrem aktiven Wortschatz gestrichen. Jetzt ist er wieder da: Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) gab sich in der "Bild am Sonntag" überzeugt, Deutschland sei auf dem besten Weg zur Vollbeschäftigung. "Wir haben 1,6 Millionen Menschen aus der Arbeitslosigkeit geholt. Jeden Tag entstehen 1 400 neue Arbeitsplätze." Wenn nun die Weichen richtig gestellt würden, "ist nach meiner Meinung Vollbeschäftigung im nächsten Jahrzehnt zu erreichen". Er warnte vor Mindestlöhnen.

Arbeitgeber Präsident Dieter Hundt teilt den Optimismus des Wirtschaftsministers. Die Reformen der Agenda 2010 hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass in den letzten beiden Jahren über eine Million neue Arbeitsplätze entstanden seien. "Wir sind damit der Vollbeschäftigung ein beträchtliches Stück näher gekommen", stellte er fest. Die Politik müsse diesen erfolgreichen Weg jetzt fortsetzen. Hundt warnte wie Glos vor Mindestlöhnen und forderte außerdem "optimale Bildungschancen für alle". Auch DGB-Chef Michael Sommer und Bert Rürup, Vorsitzender der Wirtschaftsweisen, äußerten sich am Wochenende zuversichtlich, Vollbeschäftigung zu erreichen.

Vollbeschäftigung ist nach Definition der Arbeitsmarktexperten gegeben, wenn die Arbeitslosenquote Werte zwischen drei und fünf Prozent erreicht. Aktuell beträgt sie 8,6 Prozent. Morgen gibt die Bundesagentur für Arbeit die März-Zahlen bekannt.

Dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt grundsätzlich wandeln wird, wird auch von Fachleuten erwartet. Dabei spielt die demografische Entwicklung eine zentrale Rolle. Schätzungen des Statistischen Bundesamtes zufolge sinkt die Zahl der 20- bis unter 65-Jährigen gerade nach 2010 dramatisch. In 20 Jahren wird die Altersgruppe derer, die einen Arbeitsplatz suchen könnten, bereits um fünf Millionen kleiner sein als heute. Allerdings wird diese Entwicklung die Arbeitslosigkeit nicht etwa beseitigen können, denn es treten neue Probleme auf. Es dürfte zum Beispiel immer schwieriger werden, das knapper werdende Angebot an Arbeitskräften mit den Anforderungen der Unternehmen in Einklang zu bringen. Man wird aus den geburtenschwächeren Jahrgängen einen immer höheren Anteil von Menschen mit hoher und höchster Qualifikation benötigen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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