"Vom Börsenliebling zum Katastrophenfall"
EM.TV schließt Personalabbau nicht aus

Mit harscher Kritik an dem zurückgetretenen EM.TV-Chef Thomas Haffa und an dessen Expansionspolitik haben Kleinaktionäre und Aktionärsschützer auf der Hauptversammlung auf die Milliardenverluste des Münchener Rechtehändlers reagiert.

Reuters MÜNCHEN. "EM.TV hat sich vom Börsenliebling zum Katastrophenfall entwickelt", sagte Anwältin Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Knapp 3 000 Aktionäre quittierten die Vorwürfe mit Beifall und Johlen. Der designierte Nachfolger Haffas als Großaktionär und Chef von EM.TV, Werner E. Klatten, will die zusammengekauften Beteiligungen, darunter auch den restlichen Formel-1-Anteil, wieder abgeben und den Medienkonzern drastisch verschlanken.

Aktionäre, Anwälte und Aktionärsschützer richteten massive Vorwürfe an Haffa und das Unternehmen. Klaus Rotter, der nach eigenen Angaben zahlreiche Aktionäre bei Schadenersatzklagen gegen EM.TV vertritt, sagte, Haffa habe "die Aktionäre belogen wie kein Vorstand jemals zuvor". Er habe den Neuen Markt durch kriminelle Machenschaften in den Dreck gezogen. "Das Zugpferd der Wirtschaft ist verloren gegangen", sagte DSW-Vertreterin Bergdolt. "Die verantwortlichen Vorstände haben sich aus dem Staub gemacht." Thomas Haffa ließ seinen knapp 43-prozentigen Anteil an EM.TV vertreten, war persönlich aber nicht gekommen.

Entlastung vertagt

Mit den Stimmen von Thomas Haffa und seines Bruders Florian vertagte die Hauptversammlung nach zehn Stunden die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat wegen der laufenden Ermittlungen und Klagen auf das nächste Jahr. Kleinaktionäre hatten eine Abstimmung gefordert und wollten den Gremien die Entlastung verweigern. Über eine von der DSW geforderte Sonderprüfung, in der vor allem Henson und die Formel 1 unter die Lupe genommen werden sollen, wurde nicht abgestimmt. Bei beiden Beteiligungen waren bald nach deren Übernahme milliardenhohe Abschreibungen fällig geworden. EM.TV wies deswegen im vergangenen Jahr über 2,6 Mrd. DM Verlust aus.

Der finanziell angeschlagene Rechtehändler solle sich auf das Kerngeschäft, den Handel mit Fernsehprogrammen für Kinder und das Merchandising, beschränken, sagte Klatten, der auf der Hauptversammlung als Gastredner auftrat. EM.TV & Merchandising habe ein überdimensioniertes Beteiligungsgeflecht geschaffen, das dringend abgebaut werden müsse. Er schloss einen weiteren Personalabbau nicht aus, die Personalkosten seien bereits um ein Drittel gesenkt worden.

Übernahme von RTV Family Entertainment wird geprüft

Der Medienmanager verwahrte sich gegen jüngste Vermutungen, er sei nur Strohmann Kirchs. Er wolle EM.TV von Kirch vielmehr unabhängiger machen, bekräftigte Klatten. Sein Einstieg zum 1. Januar 2002 sei unwiderruflich. "Mein Engagement steht ohne Wenn und Aber", sagte er. Seinen Vertrag als Vorstandschef wolle er in den nächsten Tagen zu Ende verhandeln.

Klatten wiederholte seine Ankündigung, aus seiner Sicht zu gering bewertete Firmen zu kaufen. Seit der vergangenen Woche seien ihm bereits viele Unternehmen angeboten worden. "Aber ich verstehe EM.TV nicht als Staubsauger des Neuen Marktes", sagte Klatten. Als "Firma mit Substanz" bezeichnete Klatten RTV Family Entertainment, die ähnlich wie EM.TV mit Merchandising- und Kinderfilm-Rechten handelt. Daher werde er ihre Übernahme prüfen. Die EM.TV-Aktie fiel nach einem steten Auf und Ab bis zum Abend um 1,36 % auf 3,63 ?.

Sanierung soll bis Jahresende abgeschlossen sein

"Der Vorstand hat die undankbare Aufgabe, Kritik zu ernten für Vorgänge, die er nicht zu verantworten hat", sagte Klatten, der frühestens im September in das Gremium einrücken soll, unter Beifall. EM.TV sei für die Anteilseigner "in den letzten Monaten eine Zumutung gewesen". Die Sanierung des Unternehmens soll bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Marketingchef Rainer Hüther zufolge, der erst im März 2001 von Kirch gekommen war, ist die zeitweise von der Pleite bedrohte Firma über den Berg. "Eine akute Gefahr für den Fortbestand von EM.TV besteht nicht mehr", sagte er. Finanzchef Rolf Rickmeyer erklärte, im Kerngeschäft werde das Unternehmen 2003 vor Steuern und Zinsen (Ebit) wieder Gewinn abwerfen.

Bei der schon auf 38,25 % geschrumpften Beteiligung an der Formel 1, bei der "Muppets"-Firma Jim Henson Co. und bei der 45-%-Beteiligung an der Tele München Gruppe des Münchener Filmhändlers Herbert Kloiber überwögen wahrscheinlich jeweils die Vorteile durch den erwarteten Zufluss an Liquidität infolge eines Verkaufs, sagte Klatten. Die Rennsportserie Formel 1 habe wenig mit dem übrigen Geschäft von EM.TV zu tun, abgesehen vom Merchandising. Die Aktionäre stimmten einem bereits vollzogenen Teilverkauf der Formel-1-Gesellschaft SLEC an den Medienkonzern Kirch ebenso zu wie der möglichen Übernahme weiterer Formel-1-Anteile durch Kirch im Herbst. Damit würde EM.TV von einem Milliarden-Kredit befreit, sein Anteil an der SLEC sänke aber gleichzeitig auf 17,25 %.

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