Vom Bösewicht zum Nationalhelden
Japan verneigt sich vor Troussier

Aus Skepsis wurde Zuneigung, aus dem vermeintlichen Bösewicht ein Nationalheld. Der einst kritisch beäugte Philippe Troussier hat die Herzen der Japaner im Sturm erobert.

dpa MIYAGI/JAPAN. Nach dem als historisch gefeierten Einzug der Nationalelf ins Achtelfinale der Fußball-WM benannten die Stadtväter von Fukoroi eine Straße und ein Park nach dem Coach um. Regierungschef Junichiro Koizumi denkt gar darüber nach, Troussier den "Orden des Volkes" zu verleihen. Damit wäre der Franzose der erste Ausländer, der mit der höchsten Auszeichnung bedacht wird.

Die Zeit für solche Ehrungen drängt: Denn es könnte gut ein, dass der 47-Jährige am Dienstag beim Duell mit den Türken in Miyagi (8.30 Uhr MESZ/Premiere) ein letztes Mal das Nippon-Team betreut. Wie Troussier bereits vor dem WM-Abenteuer bekannt gab, wird er seine Mission im Anschluss an das Turnier beenden. Noch ist sein Erfolgshunger jedoch nicht gestillt: "Wir gehen mit reichlich Selbstvertrauen und ohne verletzte Spieler in das Spiel gegen die Türken. Es muss nicht unser Ende sein", sagte er voller Hoffnung auf eine Fortsetzung des berauschenden Fußball-Märchens.

Derlei Ausführungen des Trainers begegnen nicht nur die Spieler, sondern auch die japanischen Medienvertreter mit höchstem Respekt. Das war nicht immer so: Lange Zeit stand der ehemalige Coach der Elfenbeinküste, Nigerias, Burkina Fasos und Südafrikas in einem zweifelhaften Ruf. Sein autoritärer Führungsstil und seine mitunter schroffe Art befremdeten die Japaner. Aus dem "Weißen Zauberer", wie die Südafrikaner den Coach nach der Qualifikation für die WM-Endrunde in Frankreich genannt hatten, war in Japan schon kurz nach seinem Amtsantritt im September 1998 ein "roter Teufel" geworden.

Doch spätestens mit dem 2:2-Achtungserfolg beim WM-Auftakt gegen Belgien schlug die Abneigung in Anerkennung um. Mit einem Schlag wurde deutlich, dass sich das Team in den vier Jahren unter Troussier taktisch, technisch und physisch deutlich verbessert hatte. "Der japanische Fußball war nicht so anerkannt. Nun wird es Zeit, dass die Welt von uns Notiz nimmt", meinte der Trainer nach dem 2:0 über Tunesien, "das war ein wichtiger Moment für die Nation und den japanischen Fußball."

Damit der Soccer-Boom nicht nur eine flüchtige Modeerscheinung bleibt, sondern in der Zeit nach Troussier zu einem dauerhafter Trend wird, schrieb der Franzose kurz vor seinem Abschied noch ein Buch. Passender Titel: "Leidenschaft".

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