Vom Gemischtwarenkonzern zum „Penny-Stock“ verkommen
Kein Grund zum Kauf der Wünsche-Aktie zu erkennen

"Tut mir wirklich leid", sagt die Londoner Analystin Victoria Maxwell-Snape von der Investmentbank HSBC, und aus ihrer Stimme klingt ehrliches Bedauern, "aber wir kümmern uns nicht um die Wünsche AG. Ich war nur einmal vor Jahren bei Wünsche und seitdem stehe ich auf ihrer Adressenliste für Analysten."

beu HAMBURG. Wer eine Einschätzung des Kapitalmarktes über das Hamburger Textil- und Modeunternehmen sucht, tut sich schwer. Einzig bei der bankenunabhängigen Independent Research GmbH in Frankfurt steht mit Jens Jung ein Ansprechpartner zur Verfügung, und der ist über das Unternehmen alles andere als begeistert. "Untergewichten" lautete seine letzte Empfehlung vom Februar 2001. Nach der Lektüre des Jahresabschlusses hat sich seine Analyse nicht gebessert. "Ich wüsste nicht, warum ich die Aktie einem institutionellen Investor empfehlen sollte", kommentiert Jung trocken. "Diesen Wert bracht man zur Zeit auf keinen Fall." Und Jung legt noch nach: "Es wird noch sehr lange dauern, bis Wünsche wieder vom Kapitalmarkt Aufmerksamkeit geschenkt bekommt."

Dahinter steht, dass die Wünsche AG seit über einem Jahr die Investor Relation Arbeit sträflich vernachlässigt und dem Analysten noch nicht einmal Planziele für das Jahr 2000 oder 2001 genannt hat. Dahinter steht auch, dass der Wert der Aktie, wie es in Bankenkreisen heißt, mit aktuell 1,38 nach einem Aktiensplit 1998 im Verhältnis 1:10 fast zu einem "Penny-Stock" verkommen ist. Und dahinter steht, dass schwer zu erkennen ist, wie aus dem Potpourri der Textilinteressen, die Wünsche hält, ein schlagkräftiger Modekonzern werden soll.

Klare Strategie fehlt schon seit dem Börsengang

Vier Engagements sind bei Wünsche untergebracht: die Miles Handelsgesellschaft, ein Importeur preisgünstiger Textilien, Jansen Textil, ebenfalls ein Textilhändler, der preislich etwas höher rangiert, Cinque, eine feine, aber kleine Marke und schließlich die Joop GmbH als Flaggschiff, an der Wünsche gerade die letzten 5 % vom Namensgeber Wolfgang Joop erworben hat.

Bis auf Joop, so Branchenkenner, hat Wünsche kein herausragendes Markenportfolio. Und selbst mit der Marke Joop hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren nicht viel anfangen können.

Analyst Jung ist zurückhaltend: "Wünsche muss einen Investor für den weiteren Markenaufbau suchen." Doch sei nicht zu erkennen, wer daran Interesse haben könnte.

Die Suche nach einer klaren Unternehmensstrategie begleitet die Wünsche AG seit ihrem Börsengang in den achtziger Jahren. Die früheren Hauptaktionäre, die Brüder Kain und Wolf-Jürgen Wünsche hatten den väterlichen Getreidehandel an die Börse gebracht. Besonders auf Betreiben von Kai Wünsche wurde das Unternehmen zu einem Mischkonzern umfunktioniert, der im Konserven- und Getreidehandel, in der Unterhaltungselektronik und im Textilimport sowie im Handel mit Software und Immobilien mit wechselndem, aber meist magerem Erfolg beteiligt war. Nachdem Wolf-Jürgen 1992 aus dem Unternehmen gedrängt worden war, wurde es nicht besser, sondern unter dem als vorsichtig "sprunghaft" beschriebenen Kai eher noch wechselvoller.

In dieser Zeit rutschte der Kurs von einst 242 DM auf 102 DM. Seit 1996 gibt es keine Dividende mehr, die vorher stets bei 7 DM gelegen hatte. Den Umschwung versprach Wünsche 1997 mit der Bestellung des Ex-Boss-Managers Peter Littmann zum Vorstandsvorsitzenden. Littmann wollte den "Gemischtwarenladen" zu einer "internationalen Life-Style-Gruppe mit einem Umsatz von zwei bis drei Mrd. DM" umwandeln. Daraus wurde bis auf den Kauf von Joop nichts. Littmann ging 1999 im Zorn, und Wünsche schwächelt weiter.

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