Vom Manager zum Aussteiger und Heiler
"Kräuterheiler" Manfred Köhnlechner gestorben

Manfred Köhnlechner galt als exzentrischer, streitbarer und charismatischer Mann. Als Bertelsmann-Manager machte der am Mittwoch gestorbene Jurist eine steile Karriere, um dann abrupt zum "Wunderdoktor" und "Kräuterheiler" zu mutieren.

dpa MÜNCHEN. In den sechziger Jahren hatte er höchst eigenwillig dem Bertelsmann-Konzern in Gütersloh eine "Produktdiversifikation" verordnet und die Firma zum Unwillen seiner Managerkollegen kurzzeitig zu einem der größten Eierproduzenten mit einer Million Legehennen in Deutschland gemacht.

Mit 50 Jahren warf Köhnlechner seinen Job bei Bertelsmann hin und wurde mit einer jährlichen Apanage von einer Million DM (511 000 Euro) zum "Heiler", wie er sich selbst bezeichnete. Er reiste nach Hongkong und ließ sich in Akupunktur ausbilden. Nach einem Selbststudium und Privatunterricht bei Ärzten eröffnete er 1972 eine Naturheilkunde-Praxis in Grünwald bei München und vermarktete sich geschickt.

Begünstigt durch ein steigendes Misstrauen vieler Menschen an der Schulmedizin hatte Köhnlechner als "Wunderdoktor" und Bestsellerautor schnell Erfolg. Offensiv griff er die Ärzteschaft an und hielt ihnen vor: "Unseren Ärzten fehlt die Menschlichkeit." Zeitweise beherrschten in den 70er Jahren zwei "Rebellen-Namen" die Gesundheitsdebatten der Boulevardzeitungen in Deutschland: Julius Hackethal und Manfred Köhnlechner.

Köhnlechner nutzte die Macht der Medien gekonnt zur Selbstdarstellung. Für eine Filmszene setzte er der Schauspielerin Senta Berger öffentlichkeitswirksam Akupunkturnadeln, warb mit speziellen "Köhnlechner-Diäten" für ein Abnehmen durch die vermehrte Ausscheidung von "Stoffwechselschlacken" und schwor auf Heilkräuter und Schlangengift gegen Depressionen. Mit prominenten Patienten wie Franz Beckenbauer oder Willy Millowitsch ließ er sich bei seinem Feldzug für die Naturheilkunde ablichten.

Die Schulmediziner nannten den "Heiler" einen "Scharlatan". Der "Naturapostel" Köhnlechner konnte jedoch noch zu seinen Lebzeiten den unaufhaltsamen Aufstieg der Naturheilkunde mitverfolgen. In den von ihm geschaffenen Behandlungszentren drängten sich die Patienten, die Schulmedizin begann langsam umzudenken. Köhnlechner wollte erreichen, dass die Naturheilkunde an Deutschlands Universitäten zu einem etablierten Studienfach werde. Heute existieren mehrere Lehrstühle für Naturheilverfahren im deutschsprachigen Raum.

Doch ganz verziehen haben die Medizin-Akademiker dem "Heiler" nicht. Zur Gründung der Köhnlechner-Stiftung 1985 weigerte sich der international renommierte Münchner Gerichtsmediziner Professor Wolfgang Spann, die Festansprache zu halten. Köhnlechner sah darüber demonstrativ hinweg. Am Mittwoch starb Köhnlechner in Grünwald bei München im Alter von 76 Jahren. Die Naturheilkunde in Deutschland wird mit seinem Namen eng verbunden bleiben.

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