Vom Schmuddelkind zum Bankenliebling
Milliardending des AWD wird zum Börsengang mit Stolpersteinen

In der AWD-Werbung räkelt sich eine hübsche junge Frau zufrieden auf einem Bett und fragt sich, was man am besten mit ein paar Tausend DM anfangen sollte.

dpa-afx HANNOVER. AWD-Chef Carsten Maschmeyer bekommt jetzt per Börsengang 1 Mrd. DM in die Hand, und weiß genau, was er damit machen wird: Die Verkaufsaktivitäten seines Finanzdienstleisters mit Sitz in Hannover ausbauen und die Position in den Stammmärkten Deutschland, Österreich und der Schweiz durch Zukäufe stärken. Trotz dieser Perspektiven hat Maschmeyer in jüngster Zeit mehr Sorgen als Freude - der anfangs glatte Weg zur Börse war plötzlich mit Schlaglöchern und Stolpersteinen übersät.

Bei Bekanntgabe der Börsenpläne für diesen Herbst war der DAX im Januar 2000 steil nach oben geklettert - Richtung 8.000-er Marke. Als vor knapp zwei Wochen die Bookbuilding-Spanne von 54 bis 62 Euro festgelegt wurde, war der DAX auf rund 6.500 gefallen, die Märkte verunsichert. Hatten Experten bis zu 70 Euro pro Aktie und damit 1,35 Mrd. DM frisches Geld in der AWD-Kasse für denkbar gehalten, so steht seit Donnerstag fest: Der Ausgabekurs von 54 Euro liegt am unteren Rand und bringt lediglich rund 1. Mrd. DM.

Parallel zum schlechten Börsenklima waren auch über der zuvor von PR- Berater und Ex-Citibank-Manager Folkert Mindermann über Monate geschickt abgestimmten AWD-Medienkampagne dunkle Wolken aufgezogen. Seit dem Frühjahr war es gelungen, aus dem einstigen Schmuddelkind der Branche mit immer neuen Top-Nachrichten einen Bankenliebling zu machen: Rekordbilanz für 1999, Umsatzsteigerung bis 2002 um 60 Prozent, Deutsche Bank und Morgan Stanley Dean Witter als Konsortialführer des Börsengangs, ein glänzendes Halbjahresergebnis 2000, Mehrheitsübernahme am Finanzdienstleister Horbach AG (Köln).

Doch seit der Börsenstart Anfang Oktober in Sicht kam, braute sich Unheil zusammen: Per Einstweiliger Verfügung beim Landgericht Frankfurt ließ AWD-Konkurrent (DVAG) den Hannoveranern untersagen, sich "Marktführer" und "Europas größter unabhängiger Finanzdienstleister" zu nennen, wie zuvor monatelang unwidersprochen geschehen. Dann tauchten eine Woche später am 8. Oktober Informationen über mögliche Haftungsrisiken in Millionenhöhe aus dem AWD-Vertrieb von Anteilen des "Dreiländerfonds 94/17" auf, der durch den Konkurs der Stelle AG massiv an Wert verloren.

AWD besserte seinen Börsenprospekt nach und erklärte: "Über die Prüfung von Schadensersatzklagen durch Anwaltskanzleien weiß die AWD-Gruppe bislang nur aus Medien. Die AWD-Gruppe hat daher für diesen Komplex auch keine Rückstellungen gebildet." Wieder eine Woche später verlängerte AWD die Zeichnungsfrist und verschob die Börsennotierung vom 17. auf den 20. Oktober. Eine zweite, von Finanzexperten als "peinlich" bezeichnete und von AWD mit "technischen Fehlern" begründete Nachbesserung des Börsenprospekts wurde fällig. Anleger hätten über Anwälte Beratungsfehler geltend gemacht, die Ansprüche beliefen sich auf zusammen rund 4 Mio. DM, hieß es.

Schließlich erstattete am 16. Oktober der wenig bekannte Bund der Kapitalanleger Anzeige gegen AWD wegen Betrugsverdachts - die Staatsanwaltschaft lehnte nur einen Tag später Ermittlungen ab. Am selben Tag meldete die Fachzeitschrift FINANZtest, AWD habe einigen Kunden mangelhafte Eigentumswohnungen als Kapitalanlage vermittelt. AWD räumte Fehler ein, dies alles sei aber Vergangenheit. "In der Branche der Finanzdienstleister wird halt nicht mit Samthandschuhen gearbeitet", sagt ein Kenner der Szene über die Häufung von Negativschlagzeilen.

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