Vom Unsinn wirtschaftlicher Boykott-Aufrufe
Analyse: Trinken für den Frieden

Warum wirtschaftliche Boykott-Aufrufe wegen des Irak-Streits Unsinn sind - und überraschenderweise Europa eine größere Reife als die USA zeigt.

Haben Sie heute schon französischen "Friedenswein" getrunken? Oder haben Sie doch im Restaurant demonstrativ und mit Betonung einen "Kriegs-Roten" aus Kalifornien bestellt und dann herausfordernd um sich geschaut? Jedenfalls hatte man selten zuvor die Chance, so eindeutig mit dem Gaumen politisch zu werden - zumindest wenn man der Argumentation der Hardliner auf beiden Seiten des Atlantiks folgt. Denn diese fordern unverhohlen, beim Essen und Trinken politische Bekenntnisse pro oder contra Irak-Krieg abzulegen.

Dabei zeigt sich allerdings die größere politische Reife auf Seiten der Kriegsgegner. Denn in den USA haben sich sogar führende Politiker dazu hinreißen lassen, offen zum Boykott von Produkten aus der verachteten "Allianz der Feiglinge" aufzurufen - gemeint sind übrigens wir Deutsche und Franzosen. US-Präsident George Bush höchstpersönlich hat in einem Interview auf die Frage nach Konsequenzen bei einem mexikanischen Nein zum Krieg auf eine "interessante Entwicklung an der Basis der amerikanischen Gesellschaft" hingewiesen - was in Mexiko-City nicht ohne Grund als unverhohlene Drohung empfunden wurde.

Erstaunlicherweise fehlt bisher der politische Gegen-Boykott in Europa. Obwohl den kriegsskeptischen Regierungen gerne größere Naivität unterstellt wird, zeigen sie zumindest in diesem Punkt eindeutig die größere Reife. Dies hat vor allem zwei Gründe: Die Abhängigkeit europäischer Unternehmen vom Riesenmarkt USA wird als größer angesehen als die von US-Firmen hierzulande - dies dämpft die Lust auf einen Wirtschaftskrieg erheblich. Dazu kommt ein etwas komplexeres politisches Denken. Denn in der Supermacht scheinen gerade republikanische Politiker dem Irrglauben zu erliegen, dass den USA mittlerweile jedes Mittel recht sein darf, um ihre Interesse durchzusetzen. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, lautet die Devise. Und wenn dies Sippenhaft auch für den französischen Weinbauern bedeutet. So einfach gestrickt denken in Europa dankenswerterweise nur noch sehr wenige Politiker.

Dass es die fatalen Vereinfacher aber auch auf dem Alten Kontinent gibt, zeigt der Blick ins Internet. Wer in Suchmaschinen die Begriffe "Irak" und "Boykott" kombiniert, erhält die Übersicht über eine Flut von Webseiten, in denen Friedensbewegte "an der Basis" mittlerweile lange Listen mit zu boykottierenden amerikanischen und britischen Konsumgütern angeben - bis hin zum "Sheba"-Katzenfutter. Die Hoffnung ist, dass immer mehr Konsumenten nicht nur den Einkaufszettel, sondern auch diese Listen mit in den Supermarkt nehmen. Der Irrglauben ist, dass George Bush deshalb seine Politik ändert. Und die Idiotie im Denken der friedensbewegten Boykotteure besteht darin, dass sie Firmen treffen, die mit dem Irak-Krieg gar nichts zu tun haben. Und deren Mitarbeiter in Zeiten der Globalisierung wahrscheinlich sogar in Deutschland sitzen.

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