Vom vergänglichen Ruhm eines Olympiasiegers
Deutschlands Superstar für 24 Stunden

Der schmächtige Mann von der Schützengesellschaft 1406 Frankfurt/Oder sitzt auf einem knallroten Sofa, hinter ihm der Swimming-Pool des deutschen Clubschiffs Aida Aura, vor ihm Fernsehkameras und Scheinwerfer, die die Nacht beleuchten. Er ist nervöser als vor jedem Wettkampf. "Spielen Sie mit mir, beleidigen Sie mich ruhig", hat ihm TV-Quasselstrippe Reinhold Beckmann geraten. Er selbst hat sich eingetrichtert: "Locker bleiben, jetzt nur nicht verkrampfen."

ATHEN. Das ist leicht gesagt. Es ist schon nach Mitternacht im Hafen von Piräus, und Manfred Kurzer hat gerade den aufregendsten Tag seines Lebens hinter sich. Er hat mit seinem fünfeinhalb Kilo schweren Luftgewehr 60-mal auf eine laufende Scheibe geschossen, die mit 34 Stundenkilometern vorbeirauscht. Er hat 60-mal in ein Ziel geschaut, das kleiner ist als eine Fliege. Er hat die goldene Zehn getroffen wie niemand sonst auf der weiten Welt. Er ist Olympia-Sieger. Superstar für einen Tag.

Jetzt sitzt Manfred Kurzer in "Beckmanns Olympia-Nacht" neben Sprint-Ikone Carl Lewis und erklärt Millionen von Zuschauern, dass er 20 lange Jahre auf diesen einen Tag hingearbeitet hat. Warum ihm das Publikum plötzlich zujubelt? Der Bundeswehr-Hauptfeldwebel mit der Kurzhaarfrisur schüttelt den Kopf: "Das Leben spielt verrückt", sagt er nur.

Zwanzig lange Jahre hat sich niemand dafür interessiert, dass er dreifacher Weltmeister ist und siebenfacher Europameister. Dass er in seiner Disziplin den Weltrekord hält, den er hier in Athen noch mal verbessert hat. Dass er "ein Perfektionist ist wie Lance Armstrong", wie sein Bundestrainer Reinhard Rüger versichert: "Der trainiert auch Weihnachten."

Drei Stunden Schlaf kriegt er nach der Show, dann wird der 34-Jährige ins Frühstücksfernsehen geschleift. Es folgen eine Pressekonferenz im Deutschen Haus, eine Begegnung mit Otto Rehhagel, Termine mit TV-Sendern, Radio-Interviews und Foto-Shootings mit der Goldmedaille, die um seinen Hals baumelt. Ob er etwas von diesem olympischen Geist spüre, wird er an diesem Morgen gefragt. Der gebürtige Berliner verzieht sein Gesicht: "Olympischer Geist? Watt issn dätt?"

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