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Von Augenschmaus bis Zimtzicke: Was ist der Deutschen Lieblingswort?

München/Berlin (dpa) - Sättigungsbeilage, Weltschmerz oder liebestrunken? Oder sollte doch besser maulfaul, Augenschmaus, Zimtzicke oder der Kulturbeutel das «schönste deutsche Wort» werden? Die Resonanz ist gewaltig: Über 17 000 Vorschläge - darunter Mehrfachnennungen - sind seit Mai für den Wettbewerb des Deutschen Sprachrats aus dem In- und Ausland eingegangen.

München/Berlin (dpa) - Sättigungsbeilage, Weltschmerz oder liebestrunken? Oder sollte doch besser maulfaul, Augenschmaus, Zimtzicke oder der Kulturbeutel das «schönste deutsche Wort» werden? Die Resonanz ist gewaltig: Über 17 000 Vorschläge - darunter Mehrfachnennungen - sind seit Mai für den Wettbewerb des Deutschen Sprachrats aus dem In- und Ausland eingegangen.

An diesem Sonntag ist Einsendeschluss. Der Gewinner soll im Herbst während einer Live-Sendung im Fernsehen in Berlin bekannt gegeben werden. Er kann sich über eine Flugreise nach Mauritius freuen.

Deutschlands oberste Sprachwächter hatten die Idee dazu. Im Deutschen Sprachrat haben sich das Goethe-Institut (München), das Institut für Deutsche Sprache (Mannheim) und die Gesellschaft für deutsche Sprache (Wiesbaden) zusammengeschlossen. Dabei ging es nicht um «Deutschtümelei, sondern die Freude an der deutschen Sprache im In- und Ausland zu beleben», beschrieb Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts, das Ziel. Eine 14-köpfige Jury filtert das schönste deutsche Wort heraus. Der Sprachrat hat allerdings zuvor die über 17 000 Vorschläge auf 30 eingedampft.

Die Subjektivität ist dabei gewollt, sagt Projektleiter Rolf Peter. Egal, ob man ein bestimmtes Wort liebt, weil es Erinnerungen weckt, Gefühle beschwört, etwas auf den Punkt bringt oder einfach schön klingt - erlaubt ist alles: Dialekt, Umgangssprache oder Dichterworte. Der Bogen spannt sich dementsprechend weit. Bei den «Top 5» schlägt im Volk der Dichter und Denker die deutsche Empfindsamkeit durch: Liebe auf Platz 1, gefolgt von Heimat, Glück, Sehnsucht und Vergissmeinnicht.

Beliebt sind auch Frühlingserwachen und Wolkenkuckucksheim. Doch auch die Sozialversicherungsfachangestellte und der Lebensabschnittsbegleiter konkurrieren mit Mausi, bumsfidel, Anwohnerparkausweis, Hornhauthobel, Schweinehund oder Fracksausen.

Wegen dieser Beliebigkeit hält der Germanistik-Professor Horst Dieter Schlosser «gar nichts» von dem Wettbewerb. «Was will man bewirken? Wenn von Lieschen Müller bis zum Nobelpreisträger alle mitmachen sollen, kann nur ein Sammelsurium herauskommen», kritisiert der Initiator des seit 1991 gekürten «Unwort des Jahres». Loriot habe sich mit seinem Vorschlag Auslegeware bereits über den Wettbewerb lustig gemacht. «Was sind die Kriterien, wenn Leute "Mausi" einreichen können? Wenn der geballten sprachwissenschaftlichen Kraft dreier Institute nichts Ernsthafteres einfällt, finde ich das ärmlich.»

Prof. Ulrich Ott, Leiter des Deutschen Literaturarchivs, kann dieser spielerischen Beschäftigung mit Sprache einen «gewissen Propagandawert abgewinnen, die eigene Sprache zu reflektieren». Der Berliner Linguistik-Professor Ekkehard König bucht den Wettbewerb eher unter «Amüsierbeitrag in der Frühnachrichtensendung» ab. Er sei jedoch nicht völlig überflüssig, «weil er in bescheidener Weise zum Nachdenken über Sprache anregt».

Die Kritik Schlossers mag Projektleiter Peter nicht gelten lassen. «Auf den Charme der Begründung für das Lieblingswort kommt es an, wenn man den 1. Platz gewinnen will», betont er. Die Teilnehmer merkten, wie schön und reichhaltig die deutsche Sprache sei. «In welcher anderen Sprache kann man über Komposita neue Wortwelten wie Fichtennadelschaumbad schöpfen?»

So machte sich auch die Prominenz intensiv Gedanken. Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) erkor Erfahrungsschatz zu ihrem schönsten Wort, «weil Erfahrung im Deutschen alles beinhalte, was Wahrnehmen, Erleben, Fühlen und Wissen heißt». Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) entschied sich für Wiesenschaumkraut, weil es «eine wunderbare Sprach- und Bildmalerei» sei. Ihr CDU-Kollege Norbert Lammert plädierte für Freudentränen, weil so zwei ganz unterschiedliche Gefühle verbunden werden. Das Lieblingswort des Kabarettisten Jürgen Becker lautet «und» - «weil danach ja immer noch was kommt».

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