Von Beruf Diversity Manager
Vielfalt pflegen

Der Nachbar begrüßte den neuen Mitbewohner herzlich: "Jetzt brauchen Sie nur noch ein paar Geranien am Balkon, dann ist das Haus schön einheitlich." Michael Stuber, der in seiner Altbauetage schlichtes Design mit warmem Holz kombiniert, fragt abwehrend: "Schön einheitlich, was soll das sein?" Und antwortet gleich selbst: "Dieser Harmoniezwang ist typisch deutsch."

So schnell ist der Inhaber von mi.st Consulting in Köln bei seinem Thema: "Diversity". Vielfalt also oder auch Unterschiedlichkeit. Die setzt der Wirtschaftsingenieur gegen alle Gleichmacherei - privat wie in Unternehmen: "Wenn Firmen ihre Mitarbeiter mit all deren Facetten wertschätzten, machen sie den Weg frei für Leistung und Eigenverantwortung."

Internationale Konzerne glauben, was Stuber sagt. Deutsche Unternehmen tun sich da schwerer. Vielleicht auch, weil Personalchefs kaum einschätzen können, wie viele Ausländer oder Andersgläubige es hier gibt. Bisher nehmen nur wenige Vielfalt und Individualität so wichtig, dass sie eigens einen Posten dafür schufen: den Diversity Manager. Er soll dem Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, indem er beinahe unveränderbare Faktoren nicht nur akzeptiert, sondern positiv besetzt. Alter, Geschlecht, körperliche und geistige Befähigung, sexuelle Orientierung, ethnische Prägung oder Nationalität. Intern könnten die Produktivität gesteigert, Resourcen besser genutzt, Kreativität und Problemlösefähigkeit erhöht werden. Auf der Kundenseite erwarten die Firmen größere Zufriedenheit und einen Imagegewinn.

Mitarbeiter und Kunden nicht länger über einen Kamm zu scheren, bringt Basisarbeit mit sich. Da braucht es einen gut sortierten Manager für die Vielfalt. Er muss die Mitarbeiter- und Kundenstruktur analysieren, um die passenden Diversity-Aspekte für die Firma herauszufiltern. Und er muss auftauchende Fragen beantworten: Wie lassen sich die Arbeitszeitwünsche von Singles und Eltern verbinden? Muss das strapaziöse Projekt in der Abteilung, in der viele gläubige Moslems arbeiten, wirklich in der Fastenzeit starten?

Der Diversity Manager muss schier endlos kommunizieren - in Richtung Vorstand und mit jedem Mitarbeiter. So kann er die richtigen Schwerpunkte setzen.

Weil bei der Deutschen Bank etwa 50 Prozent der Mitarbeiter außerhalb von Deutschland arbeiten, ist die Abteilung Global Diversity konsequent in New York angesiedelt, in Frankfurt achtet Aletta Gräfin von Hardenberg auf die nötige Vielfalt: "Wir stoßen den Prozess bei Einstellungen, bei der Nachwuchsförderung und bei der Besetzung von Teams an, aber wir verstehen uns nicht als Polizei im Unternehmen."

Die Personalverantwortung bleibt klar in der Linie und in der Personalabteilung, auch wenn bei der Deutschen Bank, bei Ford Deutschland und der Deutschen Lufthansa eigens Stellen für die Diversity Manager geschaffen wurden. Deshalb müssen sie Verbündete suchen - "Macht- und Fachpromotoren", sagt Berater Michael Stuber. Noch wichtiger ist dieses Netzwerk in Unternehmen, die die Vielfalt nicht in eine eigene Stelle packen, sondern sie den Personalreferenten aufsatteln.

Wilma Borghoff, seit eineinhalb Jahren Diversity Managerin bei Ford Deutschland in Köln, forciert freiwillige Arbeitsgruppen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, für die Belange ausländischer, homosexueller und behinderter Mitarbeiter sowie zur Erhöhung des Frauenanteils in technischen Berufen und im Management. Alles schon gehört? Die Berücksichtigung aller Aspekte macht das Jobprofil aus. Und dass direkt an den Vorstand berichtet wird. Weil verschiedenste Fähigkeiten gefragt sind, ist der Job des Diversity Managers durchaus auch für Quereinsteiger geeignet.

Für den Job, der je nach Ebene mit bis zu 100 000 Euro im Jahr dotiert ist, ist Berufserfahrung von Vorteil, am besten in der Linie. Die Zahl der Gesuche wird allerdings begrenzt bleiben. Denn "der Torfproduzent im Westerwald braucht Diversity wohl nicht", sagt Stuber. Aber jedes Unternehmen, das Produkte für Endverbraucher herstellt. und jedes, das internationale Kontakte hat, sollte die Unterschiedlichkeit bei Kunden, Lieferanten, Aktionären und Beschäftigten bedenken.

Die Deutsche Lufthansa hat ihre Aktivitäten seit Januar 2001 bei Monika Rühl gebündelt, die sicher ist: "Bunt gemischte Teams haben einen größeren Abstimmungsbedarf, treffen aber marktfähigere Entscheidungen." Jeder Flugbegleiter der Lufthansa besucht ein dreitägiges Seminar zur interkulturellen Kommunikation. Das Ziel, mehr Frauen gut sichtbar in die Führungsetage zu hieven, passt für sie ebenso zur Kultur der Vielfalt, wie ein weniger überbehüteter Umgang mit Schwerbehinderten: "Die Gehbehinderung eines Mitarbeiters in der Pressestelle ist irrelevant."

Der Diversity-Stab bei Lufthansa spielt Modelle zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit und ihrer Vergütung durch. Vieles wird zum Thema, nur die sexuelle Orientierung bleibt privat - obwohl bei Mitarbeiterreisen der gleichgeschlechtliche Lebenspartner die gleichen Konditionen hat wie der heterosexuelle.

Für Monika Rühl ist der Job rund um Diversity allemal eine Stabsstelle wert. Auch wenn der Diversity Manager kein Massenjob wird, bleibt er eines: ein Posten gegen den Kostenwahn.

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