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Von China in den Rest der Welt

PEKING. "UMTS hat große Chancen in China", sagt Lothar Pauly, im Siemens-Vorstand für die Sparte mobile Information und Kommunikation (ICM) zuständig, "und TD-SCDMA kann als Teil davon genutzt werden." Siemens vermarktet den neuen eigenen Mobilfunkstandard nicht länger als Alternative zu dem UMTS-Standard W-CDMA, der in Europa eingeführt wird, sondern beteuert, dass W-CDMA und TD-SCDMA kompatibel sind. "Sie ergänzen sich", meint Pauly, "und die Hochzeit zwischen den beiden Technologien kommt." China werde keinen "isolierten" Standard bekommen ohne Anbindung an die weltweit verwendete UMTS- Technologie.

Noch im Entwicklungsstadium

TD-SCDMA und W-CDMA beruhen beide auf der GSM-Technik, die in Europa dominiert. Auf dem Papier winkt TD-SCDMA mit Vorteilen: Siemens zufolge ermöglicht es einen billigeren Übergang von der Mobilfunktechnologie der zweiten zu der dritten Generation, weil dabei ein grosser Teil bestehender GSM-Netzwerke weiterverwendet werden kann. Außerdem nutze der Standard das Spektrum effizienter aus, was vor allem in Asiens Mega-Städten und Ballungsräumen im Westen ein Vorteil sei, wo Radiofrequenzen in absehbarer Zeit eng würden. Pauly ist überzeugt, dass die Technik auf dem Rücken von Chinas Riesenmarkt auch in andere Teile der Welt Anwendung finden wird, wenn sie im Land der Mitte eingeführt wird. Deshalb stehe zum Beispiel auch Nokia "vor der Tür": Pauly zufolge stehen die Finnen "in den Startlöchern" und erwägen die Entwicklung von Endgeräten, die den Standard unterstützen.

Allerdings hat TD-SCDMA ein Problem: Während in Japan und Europa die ersten W-CDMA-Netze gebaut werden, befindet sich der Standard noch im Entwicklungsstadium. Den Rückstand auf W-CDMA beziffert Pauly auf sechs bis neun Monate. Doch W-CDMA werde in Europa nicht vor Anfang 2003 zur Massenanwendung kommen. Bis dann sei auch TD-SCDMA am Markt. Im Jahr 2005 sollen 40 Millionen Chinesen den Standard benutzen. Zuvor muss Siemens jedoch noch ein technisches Problem lösen, wie Pauly zugibt: Auf der Standard-Seite sei TD-SCDMA zwar mittlerweile mit W-CDMA unter dem Dach von UMTS integriert. Nun gelte es ein Handy zu bauen, das GSM, TD-SCDMA und W-CDMA gleichzeitig unterstütze. Daran arbeitet Siemens zusammen mit NEC. Mit Huawei und Datang hat der Konzern Vereinbarungen geschlossen, die den Chinesen die Technik "zu extrem günstigen Konditionen" zur Verfügung stellen, so Pauly.

Rechtsstreit mit Qualcomm möglich

Allerdings muss sich TD-SCDMA nicht nur gegen W-CDMA durchsetzten, sondern auch gegen Qualcomms 3G-Standard CDMA2000. Nach langen Verzögerungen und massivem Druck der USA entschied sich China Unicom, Chinas zweitgrösster Mobilfunkanbieter, kürzlich zum Aufbau eines CDMA-Netzes für 15 Millionen Nutzer, das im Herbst in Betrieb gehen soll. Nicht nur Analysten, selbst Pauly erwartet, dass dieses Netz auf den 3G-Standard CDMA2000 aufgerüstet wird. Qualcomm setzt darauf, mit Hilfe der Skalenvorteile des riesigen chinesischen Marktes diesem Standard weltweit große Vorteile zu verschaffen - einen Anspruch, den der Berater Duncan Clark jedoch für überzogen hält.

Gleichzeitig erklärte Qualcomm-Chef Irwin Jacobs am Dienstag in Peking, es mache für die Lizenzeinnahmen seines Konzerns keinen Unterschied, ob sich W-CDMA, TD-SCDMA oder CDMA2000 in China durchsetze. "Alles sind CDMA-Technologien", so Jacobs, sein Unternehmen habe daran Urheberrechte. "Das sehen wir nicht so" widerspricht Pauly. Für ihn hat Qualcomm "starke Urheberrechte" bei CDMA2000, "eine nicht ganz so starke Position" bei W-CDMA, und eine "zu vernachlässigende Position" bei TD-SCDMA. Sollte TD-SCDMA in China angewendet werden, hält er eine Rechtsstreit mit den Amerikanern für möglich. "Aber vielleicht können wir uns vorher einigen" meint Pauly.

Insgesamt gibt Siemens für das TD-SCDMA-Projekt Pauly zufolge 100 Mill. $ aus. Ob sich die Investitionen auszahlen, muss sich weisen. Der BDA-Analyst Craig Watts, für den TD-SCDMA "immer noch ein Konzept " ist, haelt es für moglich, dass der Standard 10% von Chinas 3G-Markt bekommt, wenn er technologisch überzeugt. Siemens schaetzt dessen Grösse auf 3,2 bis 8,9 Mrd $ bis 2005. Analysten zufolge wird China aber abwarten, wie sich UMTS in Europa entwickelt und wie Unicoms CDMA-Netz angenommen wird, bis eine grundlegende Entscheidung über 3G-Standards gefällt wird. "Die kommerzielle Einführung in China ist noch drei Jahre weg", meint Watts, der W-CDMA die grössten Chancen auf dem chinesischen Markt gibt. Allerdings werde das Land mit seiner immensen Marktgrösse eine zentrale Rolle bei Schritt von der Nischenanwendung zum Massenmarkt spielen: "Chinas Fähigkeit, Technologien zu popularisieren und deren Preise zu drücken ist genau das, was 3G braucht", meint er.

In diesem Jahr will Siemens 5 Mill. Mobiltelefone in China verkaufen, dem mit Abstand grössten Einzelmarkt im Fernen Osten. An Asiens Handy-Markt beansprucht der Konzern inzwischen12%, in China sind es 13%. Damit haben die Münchner Ericsson als Nummer drei hinter Motorola und Nokia abgelöst. Den Marktanteil bei Netzwertausrüstung gibt das Unternehmen mit 11% für Asien und 14% für China an. Derzeit macht Siemens mehr als ein Viertel seines weltweiten Mobilfunk-Geschäfts in Asien, den Grossteil davon in China, das davon 20% ausmacht. Mit den gestern verkündeten Massnahmen beginnt die zweite Phase des 1,5 Mrd. teuren Investitionsprogrammes für Asien, das im vergangenen Jahr aufgelegt wurde und 2003 abgeschlossen wird. Derzeit gibt es in China über 100 Mill Mobilfunkkunden. Marktforscher rechnen damit, dass es in vier Jahren 250 bis 300 Mill. sind. Das Land steht also kurz davor, zum größten Einzelmarkt der Welt zu werden.

Harte Konkurrenz für Siemens

Deshalb investieren dort alle internationalen Konzerne massiv: ABN Amro schätzt, dass Ericsson 5 Mrd $ in den kommenden fünf Jahren in China investiert und bislang 2,4 Mrd $ investiert hat. Der Bank zufolge wollen die Schweden ihre Exporte aus dem Land bis 2005 von derzeit 1,5 Mrd. $ auf 4,5 Mrd $ steigern. Nokia hat bislang 1,7 Mrd. $ in China investiert, Motorola 4,5 Mrd. $. ABN Amro schätzt, dass die Amerikaner ihren Umsatz dort von derzeit 4 Mrd. $ bis 2005 auf 10 Mrd. $ hochfahren werden.

Angesichts der Konkurrenz gibt Pauly zu, dass das strategische Ziel, in Asien zur Nummer zwei vorzurücken, ein sehr langfristiges ist und "nicht von heute auf morgen möglich sein wird." Neben anderen europäischen Herstellern nimmt er vor allem lokale Konkurrenten wie Huawei, ZTE und Datang sehr ernst. "Wir gehen davon aus, dass sie sehr schnell wachsen und den Europäern Dapf machen werden", sagt er. Mit Hilfe einer starken Basis im riesigen chinesischen Heimatmarkt werden diese Unternehmen Siemens auch bald auf den Weltmärkten Konkurrenz machen. "Huawei ist für uns ein Konkurrent wie Alcatel und Lucent", meint Pauly, "wir sehen sie bereits in Russland und in Afrika auftreten."

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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