Von der Kreditkarte bis zur Versicherung: VW und Co. machen den Vollbanken Konkurrenz
Autobanken schalten den Turbo ein

Mit der Finanzierung von Autos geben sich die Autobanken längst nicht mehr zufrieden. Möglich wird dies durch die Vollbank-Lizenz. Marktführer VW Financial Services baut europaweit seine Aktivitäten aus.

DÜSSELDORF. Die Vollbank-Lizenz eröffnet den Autobanken neue Geschäftsfelder, die weit über die angestammten Finanzierungsaktivitäten hinaus gehen. Nach den Finanztöchtern von VW und BMW wird im Juli auch die Daimler-Chrysler-Bank an den Start gehen. Dabei verfolgen die Gesellschaften unterschiedliche Strategien. Die Daimler-Chrysler-Bank will in einer "ersten Welle" mit den Produkten Tagesgeld, Autosparplänen und einer Kreditkarte beginnen. Danach soll das Portfolio "sukzessiv erweitert werden", erklärte ein Sprecher.

Die VW Financial Services AG (VW FS) ist schon ein gutes Stück weiter. In der AG sind alle Finanzdienstleistungs-Aktivitäten von VW gebündelt. VW FS ist bereits in mehreren europäischen Ländern mit Töchtern vertreten. Nun will sie ihr Direktbankgeschäft in Europa forcieren. Dies bedeutet das Ende der "klassischen Tochtergesellschaftsstrukturen", sagte der Vorstandsvorsitzende Norbert M. Massfeller dem Handelsblatt. Denn: In einem ersten Schritt sollen aus den Töchtern Filialen werden. Den Anfang machte VW FS in Italien: Dort wurde das Geschäft auf Filialen der Volkswagen Bank übertragen. In Spanien wird gerade eine Filiale eingerichtet; peu à peu sollen die anderen Länder folgen. Die Betreuung und Akquisition der Kunden läuft dann über Filialen, das Back-office ist zentral in Braunschweig.

Mit den Filialen ist "die Expansion in das Direktbankgeschäft eingeläutet", sagt Massfeller. Er plant in einem zweiten Schritt, aus den Filialen reine Vertriebs-Repräsentanzen zu machen. Dem im Wege stehen die noch hohen Gebühren bei grenzüberschreitenden Zahlungen. Massfeller rechnet damit, dass es vier Jahre dauern wird, bis VW FS das Programm umgesetzt hat. Wenn es abgeschlossen ist, können alle Kunden in Europa online auf die komplette Angebotspalette in Deutschland zugreifen. Die Kunden hätten signalisiert, dass sie an autounabhängigen Finanzdienstleistungen wie dem Online-Girokonto interessiert sind, sagt Massfeller.

Bei Daimler wird hingegen noch geprüft, in welchen Märkten die Ausdehnung "Sinn hat". Und bei der BMW-Bank in München gibt es die "Idee, das Geschäft über Europa auszubreiten". Allerdings gibt es noch keine festen Beschlüsse, sagt Geschäftsführer Helmut Maier. Bisher ist die Angebotspalette der BMW Financial Services in Europa im wesentlichen noch auf Leasing und Finanzierung beschränkt. In Deutschland werden Einlageprodukte angeboten, wie Tages- oder Festgeld, eine Kreditkarte und Investmentfonds.

VW FS profitiert nach Angaben von Massfeller in ganz Europa von der starken Präsenz der Mutter VW. In Europa gebe es praktisch kein Institut - mit Ausnahme der Citibank -, das bereits eine solche Präsenz im Retailmarkt aufweise. Die Direktbank hat rund 500 000 Kunden und erzielte im Jahr 2001 einen Einlagenzuwachs von 1,2 Mrd. auf knapp 5 Mrd. Euro (Ende 1. Quartal 2002). Die BMW-Bank hat nach Angaben von Maier zurzeit etwa 250 000 Kunden. Das Einlagevolumen liegt bei rund zwei Mrd. Euro. Dabei achtet VW FS stark auf ihre Kosten. In der Gruppe liegt die Cost/Income-Ratio nach Angaben von Massfeller bei 52 %. Dies bedeutet, dass der Bank bei einem Euro Umsatz 52 Cent Kosten entstehen. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Bank liegt die Rate bei 90,5 % und soll auf 65 % fallen.

In Deutschland will VW FS nach einem erfolgreichen Test eines "Service Point" in Ingolstadt weitere Anlaufstellen an den großen Produktionsstandorten des Konzerns einrichten. Angedacht ist auch ein Test in großen Autohäusern, sagt Massfeller. Die Service Points sind nach dem Vorbild des US-Fondssupermarkts Charles Schwab nur auf die Beratung beschränkt. Wachsen will VW FS auch durch Zukäufe. Kaufgelegenheiten gebe es genug. In Euroland seien die meisten Gesellschaften "für?s Sterben zu groß, zum Überleben aber noch zu klein", sagt Massfeller. Ende 2001 war die VW-Tochter im Zusammenhang mit einer Übernahme der Leasingtochter von ABN-Amro im Gespräch. Interesse hatte VW FS offenbar auch an der AKB-Bank, bei der aber die spanische Bank Santander zum Zuge kam.

Erst vor kurzem hat die VW Bank mit einer kostenlosen Arbeitslosigkeitsversicherung auf sich aufmerksam gemacht, die bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit greift. Dadurch würden gleichzeitig "die Risikokosten gebremst", sagt Massfeller. Er kann sich auch weitere Produkte aus dem Versicherungsbereich vorstellen. So sei bei einer Kombination aus gesetzlicher Krankenversicherung und privater Zusatzversicherung "die Versuchung groß, diese in einer kundenfreundlichen Variante anzubieten". Konkrete Schritte hat die VW-Tochter zwar noch nicht unternommen, Massfeller sieht aber das erforderliche Know-how bei der konzerneigenen Betriebskrankenkasse. Auch bei der BMW-Bank gibt es "Überlegungen, in den Lebens- oder Krankenversicherungsbereich" vorzugehen, sagt Maier. Bisher lägen die hauseigenen Produkte immer "nahe am Auto", eine Ausweitung des Angebots finde in der Regel über Kombiprodukte statt.

Ein solcher Vorstoß der Autobanken würde Sinn machen, meinen Versicherungskreise; derartige Angebote erhöhten die Kundenbindung. Zudem könnten sich die Finanzdienstleistungstöchter von ihren Auto-Müttern unabhängiger machen. Ganz neue Vertriebschancen für Autobanken sehen Experten in der Weiterentwicklung des Navigationssystem GPS. Sie erwarten hier - ähnlich wie am Handymarkt - einen Preisverfall. Bei interaktiven Geräten und entsprechender Verbreitung könnte ein interessanter Vertriebsweg für Versicherungspolicen entstehen. "Dann kommt der Versicherungsvertreter und die Autobank war via GPS schon da", heißt es.

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