Von der Multimedia-Messe in Cannes
Interaktives Fernsehen hat schweren Stand in Deutschland

Das deutsche Publikum kann heute bereits auf 30 freie TV-Kanäle zugreifen. Daher gilt das digitale Fernsehen hierzulande, anders als in Frankreich oder Großbritannien, als unattraktiv.

dpa CANNES. Die Revolution des Farb-Fernsehens liegt Jahrzehnte zurück. Nun soll beim TV mit interaktiven Programmangeboten (iTV) die nächste Umwälzung vor der Tür stehen. Denn längst sind neue Medien wie das Internet oder Videospiele dabei, dem Fernsehen als führendes Unterhaltungsmedium den Rang abzulaufen. Doch während sich Fernsehsender, Softwarehersteller und Netzbetreiber in den europäischen Nachbarländern Großbritannien und Frankreich in Goldgräberstimmung befinden, scheint die neue Generation der Fernsehunterhaltung in Deutschland noch auf sich warten zu lassen.

«Bis sich das interaktive Fernsehen in Deutschland durchsetzt, wird man noch einige Jahre warten müssen», sagte Stephane Goebel, Deutschland-Chef des kalifornischen ITV-Unternehmens OpenTV, auf der Multimedia-Messe Milia in Cannes. «Deutschland ist im europäischen Vergleich ein recht schwieriger Markt», sagte Goebel. Das liege nicht zuletzt an den komplizierten Verhältnissen unter den TV- Kabelbetreibern.

Das digitale Fernsehen - Voraussetzung für interaktive Angebote - sei zudem anders als etwa in Frankreich und Großbritannien in der Bundesrepublik nicht sehr attraktiv, da das Publikum ohnehin auf über 30 freie TV-Kanäle zugreifen könne. «Und das, von den GEZ-Gebühren abgesehen, kostenlos.» Künftig werde es schwer sein, den Leuten zu erklären, dass die interaktiven Zusatzdienste nicht umsonst sein können. Dennoch sind die Fernsehanstalten in Zugzwang. Untersuchungen haben mehrfach belegt, dass es vor allem die begehrte Zielgruppe der 8- bis 20-Jährigen von der passiven Mattscheibe hin zum Mobiltelefon oder an den PC treibt.

Noch fehlen überzeugebnde Geschäftsmodelle

Doch noch immer seien Kabelbetreiber und Fernsehanstalten vor allem zurückhaltend. Noch fehlten überzeugende Geschäftsmodelle, schätzt Simone Emelius, Chefin von ZDF-Vision, das für die digitalen Programmangebote des Mainzer Senders zuständig ist. «Die Fernsehanstalten und Hersteller von Set-Top-Boxen haben sich lange um das Henne-Ei-Problem gestritten», sagte Emelius. Die Gerätehersteller warteten auf Sendekonzepte, die TV-Anstalten auf die technischen Grundlagen. Immerhin habe man sich mit der Multimedia Home Platform (MHP) auf einen dringend notwendigen Standard geeinigt, der endlich eine verlässliche Grundlage künftiger Zusammenarbeit liefere.

Auf Basis des MHP-Standards, den führende Technologieunternehmen, Gerätehersteller, Breitbandanbieter und TV-Sender gemeinsam entwickelt haben, lassen sich heute interaktive Dienste entwickeln, die tatsächlich auch unabhängig vom Hersteller oder Kabelbetreiber über jede Set-Top-Box (Decoder) empfangen werden können. Interaktive Inhalte anzubieten sei «unglaublich teuer», sagte Emelius. «Das haben sich viele vorher nicht überlegt.» Auch eine ganze Reihe von Urheberrechtsfragen seien noch längst nicht geklärt, sagte Goebel.

Pizza per Fernbedienung bestellen

Unterdessen diskutiert die Branche zur Finanzierung auch Strategien für interaktive Werbung. So könnte der Zuschauer über die Fernbedienung vom Sofa aus Pizza bestellen, während der Sportsendung gleich Tickets für das nächste Spiel oder per Knopfdruck die Bluse der Nachrichtensprecherin ordern. Doch das allein wird den Zuschauer nicht überzeugen. Über die Fernbedienung aufrufbare Hintergrundinformationen zur Nachrichtensendung oder Unterhaltungsangebote könnten dem Zuschauer jedoch «echten Mehrwert» bringen, meinte Goebel.

Einige Branchenexperten hegen jedoch generelle Zweifel, ob der Fernsehzuschauer überhaupt vor der Mattscheibe aktiv werden will. «In den USA glauben wir nicht an interaktives Fernsehen», sagte Gurval Caer, Chef des kanadischen IT-Marketing-Unternehmens Blast Radius, provokant während einer Expertenrunde zum Thema interaktives TV auf der Milia. Die Fernsehsender mühten sich mit Konzepten ab und wüssten eigentlich gar nicht, was interaktives Fernsehen wirklich ist. «Fernsehen ist, wenn ich mich zurücklehne, zuschaue und genieße», sagte Caer.

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