Von der New Economy zum Professor - die Bilderbuchkarierre des Tobias Kollmann
Atemlose Jahre

Der 32-jährige Tobias Kollmann schaffte den Durchmarsch - und wurde Professor an einem neuen E-Business-Lehrstuhl.

"Sehr erniedrigend", fand es Tobias Kollmann, als er vor drei Jahren das einzige Mal in seinem Leben einen psychologischen Eignungstest absolvierte. Obwohl er ihn nur aus Routine mitmachen musste und es damals zum Einstellungs-Procedere der Kölner Messe einfach dazugehörte. Für sie sollte er das Kunst-Portal Artpilot, einen Online-Marktplatz, konzipieren. Großartige Erkenntnisse über seine Persönlichkeit seien damals nicht heraus gekommen, meint Kollmann, bis auf eines: "Dass ich keine Chefs haben mag." Ein solcher ist er lieber selbst und wusste das auch. Den Job in Köln erhielt er trotzdem. Doch schon seit Jahren war es Kollmanns erklärtes Ziel, "so früh wie möglich Professor zu werden" - wie sich Arndt Kwiatkowski erinnert, Gründer des Immobilienportals Immobilienscout24.

Er und Kollmann entwickelten vor vier Jahren Portale für die Scout-Gruppe. Kollmanns Kind war Autoscout, und Ex-Kollege Kwiatkowski attestiert ihm Fleiß, Engagement und Zielorientierung: "Er denkt analytisch und hat ein gutes Gespür für Märkte, das er zugleich auch theoretisch untermauern kann." Kurz: ein Mann mit festen Vorstellungen.

Der Aufstieg zum Professor gelang dem 32-jährigen Rheinländer mit dem akkuraten Auftreten trotz allem erstaunlich rasch. Eine Stellenanzeige in der "Zeit" im Winter 2000 brachte Kollmann dahin, wo er heute ist, nach Kiel: Ausgeschrieben war dort die Stelle eines C4-Professors - also mit der höchsten Besoldungsstufe - für einen Electronic-Business-Lehrstuhl, der im vergangenen Herbst startete.

Sein Ziel steht fest: "Dass wir das St. Gallen des Nordens werden, eine Elite- Schmiede - nur eben für den Multimediabereich." Außer der theoretischen Ausbildung sollen die Studenten auch für die Praxis fit gemacht werden und am Ende selbst ein Startup gründen können oder Führungspositionen besetzen. Bei ihm sollen die Studenten lernen: Wie bekomme ich eine Idee für ein Unternehmen? Wie checke ich die Tragfähigkeit der Idee? Wie setze ich sie um? Und wen hole ich ins Boot?

Dabei will er den Studenten Begeisterung beibringen, aber auch die notwendige Vorsicht, Fachwissen und Kompetenz. Vor allem soll es jedoch kein Massenbetrieb werden, sondern eine handverlesene Auswahl der Studenten stattfinden. Damit diese Vision realisierbar ist, bleiben der neue Lehrstuhl und die Uni Kiel auch räumlich getrennt. Heute sitzen Kollmann und seine drei Technik-Kollegen in einem alten Industriegebäude im Süden Kiels, bis sie in den nächsten Monaten in einen Neubau direkt an der Förde umziehen.

Gutes Wissen ist teuer

Maximal 90 Leute sollen die Ausbildung zusammen absolvieren können - verteilt auf drei verschiedene Lehrgänge. Ergattern die Studenten kein Stipendium, müssen sie allerdings eine Stange Geld mitbringen. 8 000 Euro sind für 12 Monate fällig, oder 15 000 Euro für 24 Monate bei berufsbegleitenden Kursen.

Das Ungewöhnliche an diesem Lehrstuhl ist seine Konstruktion: Er ist nicht im normalen Unibetrieb eingegliedert. "In demselben Moment, als wir zu Professoren von der Uni berufen wurden, beurlaubte man uns mit Aushändigung", schildert der Vater zweier Kinder die Kuriosität der Lage. Die Gehälter kommen von einer GmbH, die von der Förderstiftung Campus gegründet wurde. Die setzt sich zusammen aus etlichen Unternehmenssponsoren wie Deutsche Bank, Microsoft oder der Provinzial Versicherung, aber auch der IHK Kiel, der Uni, dem Land Schleswig-Holstein sowie der Stadt Kiel. "Damit ist der Lehrstuhl finanziell wie organisatorisch freier, weil wir keine Instanz wie einen Senat über uns haben", sagt Kollmann.

Trotz all dieser Freiheiten legt Kollmann sich selbst Kleiderzwänge auf: Er kommt stets formell gekleidet daher, mit seinem kurz geschnittenem Haar und streng gescheitelt. Fast so, dass man sich unweigerlich an Banker oder gar ans Militär erinnert fühlt. Auch zur Uni kommt er in Anzug mit Krawatte. Von lässigem New-Economy-Stil ist kein Hauch zu spüren. In seiner Oberstufenzeit - die war für ihn bislang die glücklichste Zeit im Leben - war er Formationstänzer und trat bei Turnieren auf. Damals verdiente er sich sein erstes Geld in der Bar einer Tanzschule -- und genoss es, der Schwarm der Mädels zu sein.

Ein akkurates Auftreten verlangt der Professor auch von anderen: "Meine Mitarbeiter müssen im Anzug erscheinen." Auch das Duzen mit den Studenten kommt nicht infrage: "Ich will Distanz, ich muss sie am Ende bewerten."

Größere Selbstzweifel scheinen Kollmann, obwohl er kaum älter ist als seine Studenten, nicht zu plagen. Immerhin bewarb er sich um die Professur, obwohl er nach seinem Studium nur 18 Monate an der Uni Trier über Multimedia-Akzeptanz promovierte. Von allen Bewerbern kamen fünf in die Endrunde und Kollmann - der einzige ohne Habilitation - bekam von der Berufungskommission den Zuschlag.

Ganz ohne wissenschaftliche Erfahrung ist Kollmann indes nicht: Während er vier Jahre in der New Economy rackerte, veröffentlichte er laufend wissenschaftliche Beiträge über Marktplätze. "Damit habe ich praktisch zwei Klassen, den C3-Professor und die Habilitation, übersprungen", erzählt Kollmann grinsend wie ein Lausbub.

Ein weiterer formaler Unterschied besteht zwischen ihm und anderen C4- Gelehrten: Die Professur ist nur auf Zeit angelegt, und zwar auf fünf Jahre. Dann kommt das Projekt auf den Prüfstand. "Normalerweise ist der Antritt einer Professur eine Never-come-back- Entscheidung", vergleicht Bernd Wirtz, E-Business-Professor an der Universität Witten Herdecke. Auch er bescheinigt Kollmann ein "gutes Standing". Auch wenn er zu bedenken gibt, dass Kollmann in erster Linie ein "reiner Marktplatz-Mann" und stark spezialisiert sei.

Endlich eine eigene Sekretärin

Doch im Laufe der Jahre bei Autoscout, bei der Kölner Messe oder dem inzwischen insolventen Startup Rogator AG musste Kollmann auch Federn lassen: 60 Stunden-Wochen waren die Regel, oft 90 Stunden. "Ich schlief öfter in Hotelbetten als zu Hause und wusste manchmal morgens nicht, in welcher Stadt ich gerade aufwachte."

Klar, erfolgreich war die Zeit - "aber sie war nicht die glücklichste". Nicht mal während seiner Promotion. In der Zeit sei er keinmal im Kino gewesen, bedauert er. "Alles ging so schnell, dass der Genuss auf der Strecke blieb."

Froh ist er nur im Rückblick, dass er trotz seiner Belastungen sein Privatleben nicht ganz vernachlässigt habe. Immerhin ist er verheiratet und hat zwei Kinder. Aber: Die Jahre seien "atemlos" gewesen. Das Ende vom Lied: Vor zwei Jahren klappte er bei einem Management-Seminar bei seinem eigenen Vortrag zusammen. "Meine Beine gehorchten mir nicht mehr und ich wurde ohnmächtig" - wegen Vitamin- und Mineralienmangels, wie die Ärzte feststellten. Zu viel Arbeit, eine falsche Ernährung, und zu viel auf Tour, hieß es.

Vielleicht wird es ja ruhiger als Professor. Denn eines zumindest genießt Kollmann nun nach dem Wechsel aus der New Economy an die Hochschule: "Zum ersten mal im Leben habe ich eine Sekretärin - ganz für mich alleine."

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