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Von der traurigen Vielfalt der Kriege

Die Journalistin Carolin Emcke schreibt in ihren Briefen, was nicht in der Zeitung stand

Noch nie während all ihrer Reisen in die Krisenregionen der Welt hat ein Betroffener Carolin Emcke unmittelbar um direkte, praktische Hilfe gebeten. Niemand glaubte, die hagere Journalistin aus Deutschland mit den kurzen, braunen Haaren könnte an ihrer Lage in den Gefängnissen, den Krankenhäusern, den Flüchtlingslagern etwas ändern.

Aber wieder und wieder appellierten die Menschen an sie: "Du hast Sprache, du kannst schreiben - sag es ihnen!" Und das tat die Spiegel-Redakteurin schließlich auch - und zwar nicht nur in ihren Artikeln. Eindringlicher und persönlicher berichtete Emcke ihren Freunden in Briefen. Diese hat die 37-Jährige jetzt unter dem Titel "Von den Kriegen" veröffentlicht.

Es ist die traurige Vielfalt der Kriege, die Emcke seit fünf Jahren umtreibt. Seitdem bereiste und berichtete sie aus den Krisengebieten im Kosovo, Libanon, Nicaragua, Rumänien, Pakistan, Afghanistan, Kolumbien, Irak. Wie gehen Menschen mit Krieg um? Wie die Täter? Die Opfer? Die Zeugen? Was treibt die Berichterstatter an? Emcke geht diesen Fragen in einer Art Zwiegespräch mit ihren Freunden nach.

Dabei bringt Emcke auch persönliche Erinnerungen und Ängste. Emcke erzählt etwa wie sie sich in einem Labyrinth aus Gassen in Kolumbien zurückversetzt fühlte in ihr Heimatdorf an der Elbe.

Neben persönlichen Erinnerungen und Ängsten flicht sie in die Briefe auch hintergründige Passagen ein, für die im aktuellen Journalismus oft wenig Platz bleibt. So stellt die promovierte Philosophin Bezüge zur griechischen Mythologie her, zu Theoretikern wie Walter Benjamin und Theodor W. Adorno sowie zu Schriftstellern wie Hannah Arendt und Franz Kafka. Daneben klingen in dem Buch auch medienkritische Töne an. Sie beschreibt journalistische Arbeitstechniken, indem sie erklärt, wie mittels größtmöglicher Präzision Glaubwürdigkeit erzeugt werden soll.

Auch das Klischee des zynischen Kriegsreporters, der tagsüber unrasiert in einem Café sitze und abends an der Hotelbar einen Whiskey trinke, wird von Emcke mit Blick auf die Realität ihres eigenen Kriegsreporterdaseins lapidar entlarvt: "Als wenn es das gäbe in diesen Regionen."

Stark ist Emcke zudem in der Analyse der Kriegsgeschehnisse: Das ängstliche Verschnaufen von Bewohnern eines umkämpften Stadtviertels in Kolumbien vergleicht sie beispielsweise mit der Nervosität von Waldtieren vor dem Gewitter. An anderer Stelle schildert sie den Rhythmus des Krieges als "jene Augenblicke der plötzlichen Stille, des scheinbaren Friedens, in denen man sich ausruht, wartet und sich für die nächste Runde bereit macht - und dann die Eruption der Gewalt, ausgelöst durch einen Schuss, der von tausend lärmenden Waffen beantwortet wird". Anleihen macht sie immer wieder bei Schriftstellern und Intellektuellen. "Von den Kriegen" verliert sich aber nicht vollends im Elend. Ab und zu blitzt auch feiner Humor durch.

Und an manchen Stellen entdeckt man in den Briefen auch die Journalistin in Carolin Emcke. So flicht sie an zentralen Stellen Expertenaussagen wie die des Leiters der Menschenrechtsabteilung bei der OSZE ein, um Sachverhalte und Einschätzungen zu belegen. Ganz so, als ob die Freunde der Briefeschreiberin nicht glauben würden.

Carolin Emcke, Von den Kriegen - Briefe an Freunde, S. Fischer Verlag 2004, 192 Seiten, 18,90 Euro.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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