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Von deutschen Eigentoren in London

Der deutsche Botschafter in London Thomas Matussek wehrt sich gegen ein überholtes Deutschland-Bild der Briten, wo er kann. In Interviews weist er oft darauf hin, dass die Realität des modernen Deutschland so ganz anders ist als die auf der Insel produzierten Stereotype.

Der deutsche Botschafter in London Thomas Matussek wehrt sich gegen ein überholtes Deutschland-Bild der Briten, wo er kann. In Interviews weist er oft darauf hin, dass die Realität des modernen Deutschland so ganz anders ist als die auf der Insel produzierten Stereotype.

Tatsächlich sind Bilder von Pickelhauben und Stechschritt nicht weit, wenn britische Boulevard-Medien Debatten über "the Germans" anfangen. Und wer schon einmal gesehen hat, wie die hiesigen Blätter von den "deutschen Panzern" im Vorfeld eines sportlichen Aufeinandertreffens sprechen, weiß, wovon der Botschafter redet. Ein Fernseh-Kommentator sagte einst vor einem für die Deutschen wichtigen Qualifikationsspiel zur Fußball-WM 2002: "Will it be 'Deutschland, Deutschland über alles' after the game?" Was in diesem Zusammenhang wenig hilft, ist der "beleidigte Leberwurst"-Reflex. Matussek vermeidet das sehr geschickt. Stets weist er darauf hin, dass ihn manche der Klischees sogar zum Schmunzeln bringen.

Manchmal schießen die Deutschen aber auch Eigentore, um bei der Fußball-Analogie zu bleiben. So findet sich in einem Newsletter des Verbandes für ausländische Journalisten (Foreign Press Association, FPA) in London das folgende Angebot für Oktober:

"The German Embassy and the Dart Centre Europe for Journalism and Trauma would like to invite the FPA to a discussion evening and film screening with German documentary filmmakers Karsten Deventer and Eva Schmitz at the German Embassy in London. The films document the long-term psychological damage suffered by German civilians during the closing stages of WWII, focusing on the experience of women and children."

Um es klarzustellen: Das deutsche Leid am Ende des Krieges ist sicher ein wichtiger und zu Unrecht vernachlässigter Teil des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte. Aber ist es modernes Deutschland? Wohl kaum. Dennoch ist das Angebot laut FPA-Auskunft seit Monaten eines der wenigen, das es im Zusammenhang mit der Deutschen Botschaft in diesen Newsletter gebracht hat (davor gab es eine Veranstaltung zur "Hanseatic Self Rule in London").

Anfangs ist nicht ganz klar, wie ausgerechnet dieses Thema in den Newsletter kommt. Die Botschaft selbst gibt sich überrascht: "Wir senden jeden Tag Veranstaltungshinweise", sagt ein Sprecher. Bei der FPA jedoch kommen sie offenbar nicht an. "Das ist das Einzige, was ich seit zwei Wochen bekommen habe", heißt es von dort. Auch wenn die freundliche Dame des Journalisten-Verbandes später einräumt, dass die Auswahl "schon mal etwas zufällig sein kann", symbolisiert es etwas. Vielleicht sind wir Deutschen ja zu defensiv, oder anders gesagt: Vielleicht bleiben wir noch zu oft zu sehr in der Vergangenheit stehen.

Wer sich umschaut, findet in Großbritannien genug Interesse am "moderneren" Deutschland. Vor der Wahl liefen seitenweise klischeefreie Features über "Germany's iron lady" Angela Merkel, den Zustand der Wirtschaft und die Schwierigkeiten nach der Einheit. Nach der Wahl sorgt sich Großbritannien weithin um den Zustand der größten europäischen Volkswirtschaft. Theaterstücke wie "Democracy" über die Regierungszeit von Kanzler Willy Brandt feiern monatelange Erfolge im Westend. Eine Ausstellung von Joseph Beuys lockt zigtausende Besucher in die Tate Gallery. Der Film "Goodbye Lenin" ist ein Kassen-Knüller ohne gleichen. Ein Boris Becker ist für Briten der Sympathieträger schlechthin und der bestmögliche ehrenamtliche Botschafter eines modernen, weltoffenen Landes.

Vielleicht ließe sich hier ja mehr machen: Könnte nicht die Botschaft einmal Journalisten zu einer Diskussion über "Goodbye Lenin" einladen? Oder für ausländische Journalisten eine Pressekonferenz über die Lage nach der Bundestags-Wahl organisieren? Vielleicht könnte sie ja auch einmal den Stand der Organisation der Fußball-WM präsentieren, vielleicht sogar mit einem Mitglied des Organisations-Komitees. Kurz: Mit etwas mehr Kreativität könnte man vielleicht leicht ein sehr positives Image des Landes präsentieren.

Am Ende stellt sich heraus, dass der Termin nur auf Druck des Dart Centre Europe for Journalism in den Journalisten-Verteiler kam. Auch stellen die Deutschen nur die Räume zur Verfügung. Die Fragen aber bleiben. Es reicht nicht, nur die Klischees zu geißeln. Die Deutschen müssen lernen, eine positive Vision des Landes dagegen zu stellen. Am besten mit Kreativität und etwas Humor - um gleich das größte Stereotyp zu beenden.

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