Von Kirch-Pleite bis zur Zeitungskrise
Schwarzes Jahr für die Medien

2002 war ein düsteres Jahr für die Medien. Mit dem Zusammenbruch des Imperiums von Leo Kirch erlebte das Fernsehgeschäft eine der größten Unternehmenspleiten der Bundesrepublik. Bei den Printmedien führte die Anzeigenkrise zu Entlassungen in den renommiertesten Verlagen.

HB/dpa HAMBURG. Die Annahme in der jahrelang erfolgsverwöhnten Branche, der bereits 2001 erfolgte Einbruch sei nur von kurzer Dauer, erwies sich als gewaltiger Irrtum. Axel-Springer - Vorstandschef Mathias Döpfner geht so weit, von der schlimmsten Branchenkrise der Nachkriegszeit zu sprechen. Überall heißt die Devise: Konzentration aufs Kerngeschäft. Zugleich zeichnen sich neue Allianzen in der deutschen Medienlandschaft ab.

Leo Kirch gibt vor allem zwei Männern die Schuld am Untergang seines Lebenswerks: Springer-Chef Döpfner und dem ehemaligen Chef der Deutschen Bank, Rolf Breuer. Springer, Europas größtes Zeitungshaus, forderte Anfang des Jahres für seine Beteiligung an der Pro Sieben Sat1 AG, dem größten deutschen TV-Konzern, rund 770 Millionen Euro von der Kirch-Gruppe zurück. Wenige Tage später stellte Breuer, damals noch Vorstandschef der Deutschen Bank, öffentlich die Kreditwürdigkeit von Kirch in Frage.

Jahrelang hatte Kirch mit Hilfe der Banken Milliarden in sein marodes Pay-TV gesteckt. Doch im Zuge der weltweiten Krise an den Finanzmärkten drehten die Gläubiger den Geldhahn zu. Anfang April stellte die Kirch-Gruppe Insolvenzantrag für ihr Kerngeschäft der KirchMedia, zu der die profitable Pro Sieben Sat1 AG und der Rechtehandel gehören. Wenige Wochen später folgte die Kirch-Pay-TV, an der Rupert Murdochs BSkyB beteiligt ist. Im Juni zerfiel dann mit dem Insolvenzantrag der Dach-Gesellschaft die Kirch-Gruppe endgültig.

Noch im Februar hatte Patriarch Leo Kirch in einem seiner seltenen Interviews im "Spiegel" sogar Murdoch persönlich als Retter eingeladen: "Dann frisst er mich eben. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Doch nicht der anglo-amerikanische Medienmogul oder der italienische Medienbaron und Regierungschef Silvio Berlusconi, sondern der öffentlichkeitsscheue Verleger Heinz Bauer aus Hamburg machte das Rennen. Ende Oktober kündigte er an, KirchMedia - und damit die Filetstücke des Unternehmens - kaufen zu wollen.

Die Reaktion in der Politik fiel verhalten positiv aus. Allgemein wurde die Möglichkeit einer "deutschen Lösung" auf dem Fernsehmarkt begrüßt, auch wenn manchem Medienwächter Bauers publizistische Macht Kopfzerbrechen bereitet. In den kommenden Wochen soll Bauer, der als äußerst erfolgreicher und sehr sparsamer Geschäftsmann gilt, für geschätzte 700 Millionen Euro neuer Herr in München-Unterföhring werden. Der Hamburger Verlag, dessen Angebot von der Programmzeitschrift bis zur Sexpostille reicht, schaffte es trotz Krisenjahr mit erwarteten 1,78 Milliarden Euro den Umsatz sogar leicht zu steigern.

Während sich die mittelständischen Verlage noch relativ gut halten, hat die Rezession bei den Stellenanzeigen die überregionalen Blätter stark getroffen. Die "Süddeutsche Zeitung" verzeichnete etwa dieses Jahr trotz steigender Auflage Millionenverluste. Bis Ende 2004 will der Süddeutsche Verlag (SV) in München rund 20 Prozent seiner 5000 Stellen streichen.

Der finanziell angeschlagene SV erhielt Ende November Hilfe aus Schwaben. Die im Stillen wirkende Südwestdeutsche Medien-Holding (SWMH), die an zahlreichen Zeitungen beteiligt ist, ist im Zuge einer Kapitalerhöhung eingestiegen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat ihren Sparkurs mit Entlassungen sowie der Einstellung des FAZ- Business-Radios ebenfalls verschärft. FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher fürchtet angesichts der Krise bereits um den Qualitätsjournalismus in Deutschland.

Angesichts des dramatischen Umbruchs in der Wirtschaft, die die Medienbranche wie die gesamte Kommunikationsindustrie tief greifend verändert, sind im Jahr 2002 weltweit die Pragmatiker in die Chefsessel zurückgekehrt. Internet-Visionäre wie Thomas Middelhoff, bis Ende Juli Vorstandschef der Bertelsmann AG, des größten deutschen Medienkonzerns, mussten gehen. Umstritten bleibt, wie stark der Wandel in der Branche auch von strukturellen Problemen diktiert wird. Die Frage ist, ob sich durch veränderte Mediennutzung und den Aufstieg des Internets auch Werbeströme wie bei den Rubrikenanzeigen der Printmedien in Richtung Online verlagern.

Die Konzentration im deutschen Zeitungsgewerbe hat in diesem Jahr merklich an Fahrt gewonnen. Gruner+Jahr, der zu Bertelsmann gehörende größte Zeitschriftenverlag Europas, trennte sich von seinem regionalen Zeitungsgeschäft im Juni und verkaufte die "Berliner Zeitung" an die Holtzbrinck-Gruppe. Doch das Bundeskartellamt untersagte am vergangenen Donnerstag die Übernahme. Zusammen mit dem ebenfalls zu Holtzbrinck gehörenden "Tagesspiegel" könne es zu einer marktbeherrschenden Stellung kommen, hieß es.

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