Von Konrad Adenauer bis Gerhard Schröder – Unterschiede im Politikstil
Historie: Die glorreichen Kanzler der Republik

Deutschland im September 2002: Die Republik hat den wohl spannendsten Wahlkampf der vergangenen 50 Jahre erlebt, der voller überraschender Wendungen steckte. Vor vier Jahren sah die Situation völlig anders aus.

DÜSSELDORF. Damals war schon sehr früh klar, dass Gerhard Schröder Nachfolger von Helmut Kohl werden würde, der die politischen Geschicke der Republik 16 lange Jahre gelenkt hatte. Der Niedersachse wurde zum 7. Regierungschef der Bundesrepublik gewählt. Er war der erste Kanzler, der die Nazi-Diktatur nicht mehr bewusst miterlebt hat, der erste, der auf Bundesebene ein Bündnis mit den Grünen einging, er war der erste, der durch Abwahl des Amtsinhabers an die Macht kam - und er war der erste Kanzler, der das vereinte Deutschland von Berlin aus regierte. Für alle seine Vorgänger wäre dieser Wechsel des Regierungssitzes die Erfüllung eines Lebenstraums gewesen. Für Schröder war dies nichts anderes als ein administrativer Vorgang, der eher zufällig in seine Amtszeit fiel.

Dies aber ist keineswegs der einzige Unterschied zwischen dem Niedersachsen und seinen Vorgängern. Schröder hat sich in den vergangenen vier Jahren rot-grüner Regierungszeit den verlässlichen Ruf eines Spontanpolitikers erworben, der sich um Programme und Prinzipien nicht sonderlich kümmert. Er verfährt nach dem Motto "trial and error". Sein Prinzip ist, dass er eigentlich kein Prinzip hat.

Das war bei fast allen anderen Kanzlern dieser Republik anders. Für Konrad Adenauer, "den Alten" aus Rhöndorf, der schon zu Lebzeiten zur Legende wurde, war die Leitschnur seines politischen Handelns die Integration Westdeutschlands in die westliche Wertegemeinschaft. Er führte die junge Bundesrepublik in die Europäischen Gemeinschaften und schmiedete die Achse Bonn/Washington. "Keine Experimente" lautete sein Slogan - das reichte den vom Krieg gezeichneten Deutschen der 50er-Jahre.

Adenauers Nachfolger, der notorische Zigarrenraucher Ludwig Erhard, stand in seiner Kanzlerzeit für eine Politik, die die "Befreiung des Menschen aus der Gängelung des Staates" zum Ziel hatte. So ähnlich hatte es Schröder auch in einem Strategiepapier formuliert, das er mit dem britischen Regierungschef Tony Blair erarbeitet hatte. Das Problem ist nur, dass sich Blair an dem Papier orientierte und Schröder eben nicht.

Eine Episode in der deutschen Geschichte blieb die Kanzlerschaft des schwäbelnden Schönredners Kurt Georg Kiesinger ("König Silberzunge"), der als "wandelnder Vermittlungsausschuss" zwischen Willy Brandt und Franz Josef Strauß die große Koalition moderierte. Den "Zeitgeist" traf damals viel mehr Willy Brandt, der als erster Sozialdemokrat nach Hermann Müller (1930) Regierungschef einer deutschen Republik wurde. Brandt setzte dem Adenauerschen Credo "Keine Experimente" seine Vision "Mehr Demokratie wagen" entgegen und erreichte damit die Massen vor allem der jungen Deutschen. Seine politische Leistung ist vor allem in der Aussöhnungspolitik mit den östlichen Nachbarn Deutschlands zu sehen. Dabei blieb Brandt, der linke Patriot, seinem Leitmotiv treu: der Wiedervereinigung. Davon wollte Schröder lange nichts wissen.

Von allen Kanzlern kommt Schröder im Hinblick auf den Politikstil Helmut Schmidt, dem Nachfolger Brandts, am Nächsten. Das liegt keineswegs nur daran, dass beide eine Jahrhundert-Flutkatastrophe - Schmidt als Innensenator in Hamburg, Schröder als Kanzler in Ostdeutschland - zu meistern hatten. Beide Sozialdemokraten sind Pragmatiker, beide taten sich zeitweise schwer mit ihren Genossen. Aber Schmidt verfügt im Vergleich zu Schröder über einen weit stärkeren Ordnungswillen, ein belastbareres ökonomisches Verständnis.

Und Helmut Kohl? Der führte im Prinzip die Politik Adenauers und Brandts zusammen: Seine Vision war ein vereintes Deutschland in einem europäischen Haus - diesem Leitgedanken ordnete er alles andere unter. Kohl wäre ohne seinen unrühmlichen Abgang schon lange - wie Adenauer und Brandt - eine Legende.

Vier Jahre Schröder: Was wird aus dieser Zeit in Erinnerung bleiben? Sicherlich die Steuer- und Rentenreform, eine zunächst vernünftige Außenpolitik (Kosovo, Afghanistan), die aber im Wahlkampf chaotische Züge trug und das deutsch-amerikanische Verhältnis schwer belastete. Vor allem aber wird haften bleiben, dass Schröder sein Versprechen, die Zahl der Arbeitslosen massiv zu senken, nicht einhalten konnte.

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