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Von Pierer hinterlässt bei Siemens einige Baustellen

vwd MÜNCHEN. Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer verabschiedet sich zwar mit einem Gewinnsprung, hinterlässt seinem Nachfolger Klaus Kleinfeld aber auch einige Baustellen. Auf der Liste ganz oben steht dabei der Anfang Oktober aus Mobilfunk (ICM) und Netzwerken (ICN) gebildete neue Bereich Communications (Com). Mit einer Neuausrichtung rechnen Analysten auch bei dem IT-Dienstleister Siemens Business Services (SBS), während bei der Verkehrstechniksparte TS inzwischen das Schlimmste überstanden sein dürfte.

Wegen der noch fehlenden Budget-Planung für Com konnte der Technologiekonzern im November in der Bilanz-Pressekonferenz noch keine Prognose für das Geschäftsjahr 2004/05 (30. September) vorlegen. Über die zukünftige Strategie der Sparte - die von der vorgegebenen operativen Marge von 8 Prozent bis 11 Prozent noch weit entfernt ist - tappen Analysten und Anteilseigner nach wie vor im Dunkeln. "Man hat den Eindruck, die wissen selbst noch nicht so recht, wie es weitergehen soll", sagt ein Experte.

Zukunft des Handy-Sparte ungewiss

Analysten sehen bei Com dringenden Handlungsbedarf. "Die neue Sparte muss die Profitabilität deutlich voran bringen und nicht nur die Kosten senken. Dies dürfte unseres Erachtens zumindest mittelfristig mit Portfolioveränderungen einhergehen," meint Roland Pitz von der HypoVereinsbank (HVB). Von Pierer schloss bei der Bilanzvorlage in Teilbereichen Kooperationen nicht aus. Im Zentrum steht dabei insbesondere die Zukunft des Handy-Geschäftes. Wegen Software-Problemen bei der 65er Baureihe wies die Mobiltelefon-Sparte im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Verlust von 152 Mio Euro aus.

Die Münchner dämpften bereits Hoffnungen auf eine rasche Trendwende: "Es wird nicht einfach, schnell überzeugend schwarze Zahlen zu liefern". Die Mitte des Jahres gegebene Bestandsgarantie für das Handy-Geschäft wollte von Pierer zuletzt nicht wiederholen. Falls ein Geschäftsgebiet auf Dauer nicht die Kapitalkosten verdient, gebe es die bekannten Alternativen: Sanieren, schließen, verkaufen oder kooperieren, hieß es.

Analysten haben Zweifel, dass der Technologiekonzern auf Dauer an seinem Handy-Geschäft festhält: "Wir glauben, dass Siemens mittelfristig eine Partnerschaft bei Mobiltelefonen eingehen muss, um in dem Markt zu überleben", betont Pitz. In Medienberichten wurde kürzlich darüber spekuliert, dass es bereits ein Vorentscheidung für einen Verkauf gebe. Dies wird von Siemens aber zurückgewiesen. Das Interesse an dem mit einem Marktanteil von 7,6 Prozent viertgrößten Handyhersteller der Welt dürfte sich laut einem Experten angesichts der massiven strukturellen Probleme momentan ohnehin stark in Grenzen halten: "Es will doch auch niemand einen Wagen kaufen, der 30 Liter auf 100 Kilometer verbraucht".

Insgesamt gehen Analysten davon aus, dass der Bereich Communications mit seinen rund 60.000 Beschäftigten um einem Abbau von Arbeitsplätzen wohl kaum herumkommen wird. Pitz rechnet mit einer Größenordung von 2.000 bis 2.500 Stellen sowie einem Restrukturierungsaufwand von etwa 200 Mio Euro. Die Zusammenlegung der beiden Kommunikationssparten erfolgte auf Wunsch von Kleinfeld - der im Januar an die Spitze des Konzerns Rückt -, da das Festnetz- und Mobilfunkgeschäft immer stärker zusammenwachsen.

Analyst: Bei SBS Börsengang oder Partnerschaft denkbar

Im Zuge der Neuausrichtung von Com dürfte auch über die weitere Zukunft des ertragsschwachen IT-Dienstleisters SBS entschieden werden, der nach wie vor unter den schwierigen Marktbedingungen leidet. "Da dieser Bereich nur rund 25 Prozent der Umsätze mit Siemens direkt erzielt, könnte sich hier mittelfristig ein Börsengang oder auch eine Partnerschaft mit einem Global Player herauskristallisieren", glaubt Pitz.

Licht am Ende des Tunnels zeichnet sich dagegen bei einem weiteren "Sorgenkind" des Konzerns ab. So soll die Sparte Verkehrstechnik (Transportation Systems) nach einem Verlust von 434 Mio Euro im Vorjahr im laufenden Geschäftsjahr wieder schwarze Zahlen schreiben. Allein für die Qualitätsprobleme bei den Combino-Straßenbahnen wurden 2003/04 insgesamt 400 Mio Euro zurückgelegt. Dem Management zufolge sind weitere Vorsorgemaßnahmen aber nicht notwendig. Spätestens Anfang Januar dürfte der TÜV dem Reparaturkonzept für die Combino-Bahnen zustimmen, hieß es.

Analysten rechnen 2004/05 mit Ergebniszuwachs

Ende Januar bei der Vorlage der Quartalszahlen will der Technologiekonzern seine Prognose für 2004/05 vorlegen. HVB-Analyst Pitz rechnet fürs Gesamtjahr unter dem Strich mit einem Ergebniszuwachs auf rund 3,8 Mrd Euro. Im abgelaufenen Geschäftsjahr war der Nettogewinn um 39 Prozent auf 3,4 Mrd Euro geklettert. Ohne den Erlös aus dem Verkauf von Infineon-Aktien lag das Plus bei 23 Prozent. Beim Umsatz wird ein Anstieg um 5,8 Prozent auf 79,6 (Vj 75,2) Mrd Euro in Aussicht gestellt. Ergebnissäulen dürften nach Einschätzung der Analysten von HelabaTrust weiterhin die Bereiche Medizintechnik, Energieerzeugung sowie die Automatisierungstechnik bleiben.

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