Von Pierer sieht beim Handy-Geschäft Licht am Ende des Tunnels
Siemens will nach Verlusten weiter umbauen

Nach operativen Verlusten im dritten Quartal rechnet der Münchener Technologiekonzern Siemens für das Gesamtjahr 2000/01 mit einem rückläufigen Gewinn und will den Umbau des defizitären Netzwerk-Geschäfts beschleunigen. Im operativen Geschäft wies Siemens am Mittwoch für die Monate April bis Juni vor Steuern, Zinsen und Firmenwertabschreibungen einen Verlust (Ebita) von 479 Millionen Euro aus, im dritten Quartal 1999/2000 waren es noch 592 Millionen Euro Gewinn.

Reuters MÜNCHEN. Nur ein Buchgewinn von 3,46 Milliarden Euro aus der Übertragung von Infineon-Anteilen an den eigenen Pensionsfonds ließ unter dem Strich schwarze Zahlen stehen. Der für die Netzwerk- Sparte zuständige Vorstand Roland Koch werde ausgewechselt. Der geplante Stellenbau solle ausgeweitet werden. Der Siemens-Kurs stieg um drei Prozent.

Siemens-Vorstandschef Heinrich von Pierer teilte mit, dass der Umbau im Bereich Information & Communication Networks (ICN) weitergehen müsse. Die Verluste in der Telekommunikation und in der Informationstechnologie hätten die teilweise sogar deutlich höheren Gewinne in anderen Sparten wie dem Kraftwerks-Bereich oder in der Medizintechnik mehr als zunichte gemacht, sagte er. Allein ICN rutschte im dritten Quartal mit 563 (Vorjahrsquartal: plus 133) Millionen Euro in die roten Zahlen, in der Mobilfunk- Sparte ICM belief sich der operative Ebita-Fehlbetrag auf 511 (plus 155) Millionen Euro. Für beide zusammen verbuchte Siemens einen Restrukturierungs-Sonderaufwand von 790 Millionen Euro.

"Die differenzierte Entwicklung in den Bereichen hat sich im dritten Quartal noch verschärft", sagte von Pierer. Monat für Monat verschlechtere sich die Weltkonjunktur. "Ich glaube nicht, dass wir das unterschätzt haben", fügte der Siemens-Chef hinzu. Der Konzernüberschuss werde im Geschäftsjahr 2000/01, das am 30. September endet, nicht mehr so hoch ausfallen wie im Jahr zuvor. 1999/2000 hatte Siemens seinen Gewinn ohne Sondererträge aus dem Börsengang von Infineon auf 3,38 (1,86) Milliarden Euro erhöht. Auf eine Umsatzerwartung wollte sich von Pierer nicht festlegen. An dem Ziel, bis 2003 im Konzern auf eine Umsatzrendite von 9,2 Prozent zu kommen, will er aber festhalten. "Die Operation 2003 ist voll im Gang", sagte der Siemens-Chef.

Bei ICN werde der Umbau damit noch nicht abgeschlossen sein, sagte Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger. "Alles, was nicht die Kapitalkosten verdient, steht auf dem Prüfstand", sagte er. Der zum Teil schon vollzogene Abbau von 7 500 Arbeitsplätzen reiche nicht aus. Über den Umfang weiterer Streichungen wollte sich Neubürger nicht äußern. Die Halbleiter-Tochter Infineon, die ebenfalls über den Abbau von Stellen nachdenkt, wollte aber am Mittwoch einen Pressebericht nicht kommentieren, wonach 5 000 Stellen gestrichen werden sollen. Die IG Metall bestätigte die Pläne und kündigte ihren Widerstand an.

Siemens-Chef von Pierer wollte ausdrücklich auch Portfolio- Maßnahmen nicht ausschließen. "Wir werden uns ICN ganz genau ansehen", betonte er. Ein ganzes Geschäftsgebiet wolle Siemens aber nicht verkaufen. Statt der bislang geplanten 1,2 Milliarden Euro sollen nach Siemens-Angaben nun mindestens zwei Milliarden Euro bei ICN eingespart werden. Bereichsvorstandschef Roland Koch verlässt Siemens und soll vom 1. September an durch Thomas Ganswindt ersetzt werden, der Bereichsvorstand in der erfolgreichen Verkehrstechnik ist. Branchenexperten werfen Koch vor, den Umstieg auf internetbasierte Netze verpasst zu haben.

Bei Handys zeichne sich dagegen "Licht am Ende des Tunnels" ab, sagte von Pierer. Er gehe für dieses Jahr für die gesamte Branche von rund 400 Millionen produzierten Mobiltelefonen aus. Siemens habe seine auf 30 Millionen Stück herunter gefahrenen Kapazitäten gut ausgelastet. Auch die ehemaligen Atecs-Bereiche Siemens VDO und Dematic rutschten in die roten Zahlen.

Nur die Milliarden-Erlöse aus der Übertragung von Infineon - Aktien an den Siemens-Pensionsfonds verhalfen dem Konzern nach eigenen Angaben im dritten Quartal nach Steuern zu einem Gewinn von 1,608 (0,267) Milliarden Euro. Ohne Sondereffekte und ohne die Verluste bei Infineon habe sich ein Konzern-Fehlbetrag von 489 Millionen Euro ergeben, nach 439 Millionen Euro Gewinn ein Jahr zuvor. Hoffnung machen von Pierer nach eigenen Worten die neuen Aufträge, deren Volumen ohne Infineon um 23 Prozent auf 23,1 Milliarden Euro stieg. Der Umsatz kletterte auf 20,3 Milliarden von 16,5 Milliarden Euro. In den ersten neun Monaten halbierte sich der bereinigte Gewinn nach Steuern auf 652 (1413) Millionen Euro, der Umsatz legte 18 Prozent auf 58,6 Milliarden Euro zu.

Der Siemens-Kurs fiel im frühen Handel zunächst um mehr als zwei Prozent, drehte dann aber und lag am Nachmittag mit 58,50 Euro um 3,5 Prozent im Plus. Analysten, deren Schätzungen im Vorfeld weit auseinander lagen, sagten, die Zahlen hätten ihren Erwartungen entsprochen. "Nur die Restrukturierungskosten sind höher als wir gedacht hatten. Das ist ganz schön viel", sagte Adrian Hopkinson von der WestLB. Die Investmentbank stufte ihr Kursziel auf 68 Euro von 75 Euro zurück. Der Verlust sehe schlimmer aus als er sei, sagte ein Aktienstratege einer großen Investmentbank in Frankfurt. Ein Fondsmanager sagte, Mut habe den Anlegern auch die Aussicht auf schnelle Besserung gemacht.

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