Von Pierer sorgt für Transparenz
Kommentar: Vorbild Siemens

Schon heute ist die Siemens AG nicht mehr dasselbe Unternehmen wie noch vor zwei oder drei Jahren. Konzernchef Heinrich von Pierer hat eine Kulturrevolution ausgelöst: Ganze Unternehmensbereiche wie der Chipkonzern Infineon und der Bauelemente-Hersteller Epcos wurden erfolgreich ausgegliedert und an die Börse gebracht. Dass beide Unternehmen in sehr kurzer Zeit den Aufstieg in den Deutschen Aktienindex geschafft haben, zeigt, wie werthaltig mancher Siemens-Bereich ist.

Jetzt hat von Pierer zum zweiten Schlag ausgeholt, um den High-Tech-Konzern für die Zukunft fit zu machen. Der 59-jährige Siemens-Lenker hat für alle dreizehn Geschäftsbereiche konkrete Gewinnziele veröffentlicht - ein Novum für den Konzern. Die Margen-Vorgaben und die Wege dahin sind anspruchsvoll. So soll beispielsweise der lange kriselnde Bereich Energieerzeugung die Marge mittelfristig mindestens verzehnfachen. Für die Verkehrstechnik - ein Bereich mit schwierigen Marktbedingungen - ist eine Verdreifachung der Marge geplant. Und das Mobilfunkgeschäft soll die Rendite weiter steigern, obwohl der Markt turbulent ist und eine kostenträchtige internationale Expansion auf dem Plan steht.

Von Pierer verstärkt den Druck auf die einzelnen Siemens-Bereiche, die oft noch schwachen Ergebnisse nachhaltig zu verbessern und den Anschluss an die internationale Konkurrenz zu schaffen. Und das ist auch nötig: Trotz des Rekordergebnisses im abgelaufenen Geschäftsjahr kann sich der Konzern keine Verschnaufpause gönnen. Bei Siemens weht jetzt mehr denn je der kalte Wind des Erfolgs. Wer die Ziele verfehlt, muss sich warm anziehen. Bereits in den vergangenen zwei Jahren hat von Pierer bewiesen, dass er erfolglose Manager vor die Tür setzt und auch tief greifende Sanierungen nicht scheut. Die Umstrukturierung dürfte sich im Siemens-Konzern jetzt noch beschleunigen. Von Pierer schloss weitere Akquisitionen, aber auch den Verkauf von Bereichen nicht aus. "Kein Geschäftsgebiet wird auf Kosten der anderen künstlich am Leben gehalten", stellte der Konzernchef gestern nachdrücklich klar.

Mehr denn je setzt von Pierer darauf, das weltweit agierende Konglomerat, das von Handys über Waschmaschinen, Glühbirnen und Kraftwerke bis zu ICE-Zügen fast alles verkauft, über Zahlen und Renditevorgaben zu steuern. Er muss jetzt beweisen, dass das auch zu schaffen ist. Nur so kann er der anhaltenden Diskussion um eine Aufspaltung des Riesenkonzerns ein Ende setzen. Nicht alle Mischkonzerne sind schlecht, lautet schon lange die Botschaft aus München. Die Hoffnungen ruhen auf den Synergien zwischen den Bereichen. Mit dem Konzept kommt von Pierer dem ewigen Siemens-Konkurrenten General Electric und dessen Chef Jack Welch immer näher.

Der früher als "Softie" beschimpfte von Pierer gibt mit den mutigen Vorgaben Forderungen der Anleger nach mehr Transparenz nach. Die Analysten begrüßten gestern den Schritt. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass der "gläserne Siemens-Konzern" kurz vor dem geplanten Gang an die New Yorker Börse kommt.

Die Offenheit, mit der Siemens jetzt detaillierte Gewinnziele kommuniziert, kann sich manches andere deutsche Unternehmen zum Vorbild nehmen. Quersubventionierungen zwischen profitablen und verlustträchtigen Töchtern - in manchem Konzern noch heute an der Tagesordnung - treten damit offen zu Tage. Misserfolge und Missmanagement in einzelnen Geschäftsfeldern werden eindeutig messbar. Vielleicht macht das Beispiel Siemens ja Schule.

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