Von schmilzenden Gewinnen und witzelnden Brokern
Gazprom – eine Glaubensfrage

An Russland muss man einfach glauben, lautet ein Sprichwort. An Gazprom offenbar auch. Denn der weltgrößte Gaskonzern ist nicht gerade bekannt für seine Transparenz. Manche Anleger fühlen sich verwirrt, manche sogar getäuscht.

MOSKAU. Die Unsicherheit drückt sich auch im Aktienkurs aus: Die Charakterisierung des Kursverlaufs als Achterbahnfahrt ist noch schmeichelhaft. Bislang blieb das Papier hinter der positiven Börsenentwicklung Russlands zurück. Das Unternehmen taucht von einer in die nächste Krise. Mal sind es Gerüchte um die Absetzung des erst im Mai vorigen Jahres eingesetzten Gazprom-Chefs und Ober-Sanierers Alexej Miller. Dann kommen Finanzlöcher und immer neuer Kreditbedarf. Nicht zu vergessen der Streit um Erdgas-Tariferhöhungen für die Bevölkerung und die Industrie. Für Wirbel sorgte auch die Steuerfahndung.

Schlimmer ist nur noch das Tohuwabohu in den Bilanzen des Unternehmens, das jahrelang durch die alte Konzernführung ausgeplündert worden war. Für das vorige Jahr hat der Gasförderer laut russischen Buchhaltungsstandards (RAS) eine Steigerung des Reingewinns um 916 Mill. auf 2,4 Mrd. $ ausgewiesen. Doch die kürzlich auf Grundlage internationaler Bilanzierungsstandards (IAS) vorgelegte Vorjahresbilanz brachte gerade noch 361 Mill. $ Gewinn zu Papier - ein Einbruch von 96 % gegenüber dem 2000er Ergebnis von 9,3 Mrd. $.

Die Finanzlage des Konzerns ist zudem so katastrophal, dass der russische Rechnungshof bedrohlich orakelt: "Gazprom ist nicht in der Lage, aus eigenen Mitteln seine Zahlungsfähigkeit wieder herzustellen." Nun ist es Konzernchef Miller immerhin gelungen, die von seinen Vorgängern abgezweigten Gazprom-Beteiligungen zurück zu holen. Doch die Rückholschlacht hat viel Geld gekostet. Außerdem sind Töchter wie Sibur auch Klötze am Bein aufgrund ihrer Milliarden-Verluste und-Verbindlichkeiten. Und Schulden sind das einzige, worüber Gazprom im Überfluss verfügt.

Milliarden-Investments

Gazproms Erdgasförderung aber sinkt weiter beharrlich. Und für eine Steigerung sind Milliarden-Investments nötig. Eingekeilt von den Liberalisierungsplänen der EU in Sachen europäischer Gasmarkt und von eigenen Finanzengpässen sind die aber nicht in Sicht. Schon jetzt wirft der Gasförderer zum eigenen Überleben immer neue Anleihen auf die Märkte. Experten erwarten bereits, dass so mancher Russen-Bond noch heftiger Schwanken wird als so manche westliche Standard-Aktie in der jüngsten Zeit.

Grund für die sinkende Gasförderung ist auch die russische Konkurrenz. Sie jagt dem Gasriesen bereits Entwicklungsprojekte ab. Der staatliche russische Ölkonzern Rosneft nehme Gazprom die ganzen Stokmanowskoje-Lizenzen ab und wolle gemeinsam mit Westkonzernen Öl und Gas im Eismeer fördern, ahnt ein deutscher Gazprom-Teilhaber. Derweil bleibe Gazprom auf den für den Binnenmarkt viel zu teuren Feldern der Jamal-Halbinsel sitzen und habe kein Geld für neue Export-Pipelines. "Das erscheint mir wie die Re-Verstaatlichung Gazproms via Rosneft."

Gazprom gehört zu 38,4 % dem russischen Staat, die Ruhrgas AG ist mit gut 5 % beteiligt. Daran knüpfen viele Anleger ihre Hoffnungen, denn die beiden Großen werden das Unternehmen schon nicht zusammenbrechen lassen. Leichte Zweifel daran lässt ein Witz aufkommen, den sich Moskaus Broker erzählen: "Was ist der Unterschied zwischen den Energiekonzernen Enron und Gazprom? Enron ist schon pleite."

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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