Von Tapferkeit und Wahnsinn
Hoffnung für Telekom-Ausrüster

Gibt es doch noch einen Hoffnungsschimmer für die Telekommunikationsindustrie? Einen Strohhalm, an den sich die Ausrüster der Branche in Europa klammern könnten?

LONDON. Zwar haben Telefongesellschaften wie die Deutsche Telekom und KPN vergangene Woche angekündigt, sie wollten ihre Investitionen weiter zurückfahren. Aber das Tempo der Rücknahmen verlangsamt sich. Andere Branchenriesen, wie British Telecom, dürften ihre Investitionen nur mäßig oder, wie France Telecom, nur ganz leicht oder gar nicht verringern.

Eine Bodenbildung bei den Investitionsausgaben bedeutet nicht zwangsläufig eine Erholung. Aber schon allein die Tatsache, dass die Telekom-Unternehmen nicht noch weiter kürzen, ist erfreulich für die Ausrüster, die im vergangenen Jahr nichts als Düsternis erlebt haben. Und es könnte eine Verschnaufpause für Unternehmen wie Alcatel oder die Festnetz- und Infrastrukturbereiche von Ericsson und Siemens bedeuten.

Der Zeitpunkt wird kommen - vielleicht im nächsten Jahr -, zu dem die Telekombetreiber wieder investieren müssen, um die Kapazitäten zu erhöhen. "Wenn sie den Anschein erwecken wollen, dass diese Geschäftsbereiche wachsen werden, dann kann man nicht immer nur kürzen und kürzen", sagt ein Analyst. "Wenn man sich die Zahlen mal genau anschaut, dann müssen sie den Umfang steigern und die Kapazitäten ausweiten." Natürlich sollten sich die Investoren den Ausrüstern immer noch mit großer Vorsicht nähern. Vorbehalte gibt es genug, die jedwedes Szenario einer Erholung begleiten.

Zunächst ist da einmal die Konjunktur. Falls sich der erhoffte Aufschwung in Luft auflöst und die Bedingungen sich wieder verschlechtern, dann ist es unmöglich vorauszusagen, was passieren wird. Die Telekom-Unternehmen wären vielleicht gezwungen, ihre Investitionen sogar noch stärker zurückzunehmen. Und selbst im Fall einer Wirtschaftserholung könnte jede Steigerung der Investitionen seitens der Betreiber der allgemeinen Aufwärtsbewegung um etwa sechs Monate hinterherhinken. Die Ausrüster würden also frühestens Anfang oder Mitte des kommenden Jahres davon profitieren.

Während sich die Investitionen im Bereich Festnetz stabilisieren dürften, gilt das nicht notwendigerweise auch für Ausgaben in die Infrastruktur der Mobilfunknetze. Große Fragezeichen stehen immer noch hinter der Einführung von Mobilfunkdienstleistungen der nächsten Generation, die unter der Bezeichnung 3G subsumiert werden. Während Mobilfunkbetreiber Pläne für eine forcierte Einführung des neuen Service beschneiden, werden sich die Ausrüstungsaufträge wahrscheinlich weiter verringern. Und derzeit hat eine Qualitätsverbesserung der bestehenden Netze für die Telefongesellschaften keine besonders hohe Priorität.

Das bedeutet, die Schmerzphase bei Ericsson dürfte noch nicht überwunden sein. Die Schweden erzielen nur rund ein Fünftel ihres Umsatzes mit Ausrüstung, die zum Betreiben von Festnetzen notwendig ist. Auch für Nokia sind das keine guten Nachrichten. Die finnische Firma stellt fast ausschließlich Ausrüstung für Mobilfunknetze her. Alcatel und Siemens, bei denen Festnetzausrüstungen einen größeren Anteil am Umsatz ausmachen, werden sich auch weiterhin großem Druck bei der Preisfestsetzung seitens knausriger Telefonbetreiber ausgesetzt sehen, selbst wenn der Umsatz steigt. Jede Erhöhung des Umsatzvolumens könnte durch die Tatsache geschmälert werden, dass es die etablierten Firmen sind, die die Ausgaben tätigen. Alternative Betreiber, die den Aufschwung bei den Ausrüstungsausgaben mit angeheizt hatten, sind jetzt weitgehend aus dem Rennen.

Man muss also immer noch über große Tapferkeit verfügen, wenn man eine Stabilisierung für die Telekom-Ausrüster proklamiert. Aber tapfer ist besser als wahnsinnig. Und als wahnsinnig hätten die Märkte zweifelsohne jeden tituliert, der noch vor wenigen Monaten solche Überlegungen vorgebracht hätte.

Quelle: Handelsblatt

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