Von Vorreiterrolle noch keine Spur
CEMS - Netzwerk ohne Kick

Unter maßgeblicher Mitwirkung der Universität Köln ist ein europaweites Netzwerk führender Wirtschaftsuniversitäten und Business Schools entstanden. Doch was bringt es den Unternehmen? Der berühmte "Kick" ist nur schwer auszumachen.

Das ist ja genau das, was in unseren geheimen Strategiepapieren steht!" Doris Krüger, Personalerin bei der Lufthansa AG, kam aus dem Staunen nicht heraus. Die vier Studenten, die sich mit dem "Fall" Lufthansa beschäftigt hatten, waren offenbar zu den selben Lösungsansätzen gekommen wie die Strategen des Luftfahrtkonzerns selbst.

Ort der Handlung war die (3.) CEMS Case Challenge, ein Studentenwettbewerb, der alljährlich von der Community of European Management Schools (CEMS) organisiert wird. Studenten aus ganz Europa kommen zusammen, um einen "case", also eine Fallstudie zu lösen. In diesem Jahr ging es in Köln um die Frage, ob Lufthansa im Licht der Folgen des 11. September ihre Allianz-Strategie ändern müsse.

Der alljährlich stattfindende Studentenwettbewerb ist gleichsam die Spitze des Eisbergs. Was genau CEMS ist und sein will, ist für Außenstehende nur schwer begreiflich, nicht zuletzt weil die Vereinigung keine ausreichende Öffentlichkeits- und Pressearbeit betreibt.

CEMS versteht sich als Netzwerk der besten Wirtschaftshochschulen und Business Schools in Europa. Pro Land wird nur eine Einrichtung aufgenommen. Zu den Gründungsmitgliedern Universität Köln, HEC (Paris), Esade (Barcelona) und Bocconi (Mailand) gesellten sich im Laufe der Jahre so klangvolle Namen wie die London School of Economics (LSE), die Erasmus Universiteit Rotterdam oder die Universität St. Gallen (HSG). Heute zählt CEMS 17 Partneruniversitäten und 59 "corporate partners".

In Deutschland haben nur Kölner Studenten Zugang

Um CEMS-Student zu werden, müssen Kölner Studenten - und nur die können in Deutschland an dem Programm teilnehmen - ein nicht sehr selektives Auswahlverfahren durchlaufen: Etwa 80 von 150 Bewerbern schaffen die Aufnahme. Das ermöglicht dann den Studienaufenthalt an einer der Partneruniversitäten des Netzwerks.

Doch "CEMS ist viel mehr als Studentenaustausch", sagt fast entrüstet Christi Degen, die ihre Position als Leiterin des Zentrums für Internationale Beziehungen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät in Köln mit der Aufgabe als CEMS Programme Development Director verbindet. "CEMS wird zu einem eigenständigen Studienprogramm". So wird es in Zukunft Kurse nur für CEMS-Studenten geben. Und in Kooperation mit der Wirtschaft werden Inhalte für CEMS-Kurse entwickelt. Damit soll - wie an den führenden Business Schools schon üblich - den Studenten ein hautnaher Einblick in die Unternehmensrealität gewährt werden.

Noch weiter reichende Pläne hat der Kölner Hochschulprofessor Werner Delfmann, der gegenwärtig als CEMS-Chairman fungiert: "Ich sehe CEMS als strategische Allianz, die uns auch außerhalb Europas Sichtbarkeit verschafft. Wir arbeiten auch an einem gemeinsamen CEMS-PhD-Programm, entwickeln europäische Forschungsprojekte."

Während der Nutzen für die Studenten und Hochschulen offenkundig ist, stellt sich die Frage, was eine CEMS-Mitgliedschaft den Unternehmen als "corporate partners" bringt.

Interessanter Fischteich im Kampf um die besten Köpfe

In Deutschland gehören Beiersdorf, Dresdner Bank, Ford-Werke, Haniel, Henkel, Siemens, Thyssen-Krupp zu dem Kreis der zahlenden Mitglieder, in Europa einige der wichtigsten Konzerne aus dem Finanzbereich wie BNP Paribas, ING, JP Morgan, Swiss Re, UBS und Zurich Financial Services, darüber hinaus BP und Royal Dutch Shell, L'Oréal und LVMH, Nokia und EADS, Procter & Gamble und Glaxo-Smith-Kline, Reuters und Ringier, Accenture, KPMG und Price-Waterhouse-Coopers.

Ihr Hauptinteresse an CEMS scheint bei der Rekrutierung zu liegen. Im "War for Talent" bietet CEMS einen interessanten Fischteich. Aber nicht alle Karpfen sind gleich fett.

"EADS als tri-nationales Unternehmen sucht Mitarbeiter, die eine internationale Ausbildung erhalten haben und die in der interkulturellen Arbeitsweise erfahren sind. CEMS stellt da eine hervorragende Plattform für die Nachwuchsrekrutierung dar", sagt Pablo Salame-Fischer, Vice President Personnel Marketing bei dem Luftfahrtkonzern. "Durch CEMS bekommen wir frühzeitig Kontakt mit exzellent ausgebildeten Studenten, die schon während des Studiums gelernt haben, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden", erklärt Sonja Fleischer-Atorf von Procter & Gamble.

CEMS spielt nach Ansicht der Unternehmen keine Vorreiter-Rolle

Bislang scheint es CEMS aber nicht gelungen zu sein, ein wirkliches Qualitätslabel darzustellen. "Absolventen von CEMS-Universitäten sind im Durchschnitt 'good quality', sagt Anita Van Mieghem vom Eurograduate Recruitment bei BP. "Aber es ist kein besonderer Vorteil, CEMS-Student gewesen zu sein." Ähnlich äußert sich Olivia Leydenfrost von Swiss Re: "Manche CEMS-Studenten sind wirklich herausragend, andere lassen die Reife vermissen, nach der wir suchen."

Auch hier gibt es Unterschiede: So hat etwa der französische Kosmetikkonzern L?Oreal allein im letzten Jahr 25 CEMS-Absolventen eingestellt. Für das Siemens Graduate Program, einem internationalen Traineeprogramm "stellt CEMS eine wesentliche Quelle dar."

Praktisch alle vom Handelsblatt befragten Unternehmen sehen CEMS nicht als Vorreiter im Management-Denken. Damit wird den CEMS-Hochschulen abgesprochen, was gerade eine Stärke der führenden Business Schools ist, nämlich praxisrelevante Ideen für Manager zu produzieren. Das von CEMS in Kooperation mit Price-Waterhouse-Coopers im März 2000 gestartete Magazin European Business Forum, das ein bisschen wie die ärmere Schwester des Harvard Business Review daherkommt, ist ein Flop. Auf die Frage, ob sie CEMS als eine Art europäischen Management-Think-Tank sehe, antwortet Sarah Lerault von Hilti diplomatisch: "Noch nicht."

L'Oreal denkt anders

Eine Ausnahme scheint L?Oreal darzustellen. "Aus einer Partnerschaft von der CEMS-Qualität kann man immer lernen", erklärt Philippe Louvet, Director of International Recruitment Unter der Leitung von Professor Josep Franch ( ESADE Barcelona) wurde an zehn CEMS-Universitäten über eine globale Strategie für das Shampoo Elseve nachgedacht. Die daraus entstandene Marketing-Fallstudie und Website gehört heute zu den CEMS-Vorzeigeprojekten. Auch Siemens sieht in CEMS "einen wesentlichen Beitrag, im Rahmen von Best Practice Sharing Innovationen und Entwicklungen voranzutreiben".

Anita Van Miegham von BP legt den Finger auf eine offene Wunde: "Um als Management-Think-Tank zu fungieren, müsste CEMS eine viel stärkere Führungs- und Koordinationsrolle einnehmen." Das würde wohl auch eine ganz andere Organisationsstruktur notwendig machen. Vielleicht sollten die CEMS-Mitglieder ihre Studenten einen Business Plan ausarbeiten lassen.

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