Von Wirtschaftskrise fast unbeeindruckt
Umsatzmaschine Karneval - Eine bierernste Sache

Schon mal versucht, in Köln an Rosenmontag einen Geschäftstermin zu vereinbaren? Viel Spaß beim Versuch, die jecken Rheinländer an solchen Tagen auf den Pfad der Vernunft zurückzuführen. Nichts geht mehr, alles liegt unterm Tresen - behaupten böse Zungen. Aber der Geschäftsmotor läuft gerade in den tollen Tagen heiß.

DÜSSELDORF. 3 000 Arbeitsplätze sichert allein der Kölner Rosenmontagszug auf's Jahr gerechnet - vom Kostümschneider bis zum Bildhauer. Das fand die Unternehmensberatung McKinsey schon 1992 in einer Studie heraus. In derselben Größenordnung bewegen sich heute die Schätzungen der Kölner Industrie- und Handelskammer.

Für so manchen Handwerker, Schneider oder Ordens-Hersteller ist die närrische Jahreszeit ein fester Faktor in der Kalkulation. Die Kosten für Kostüme, Kamellen und nicht zuletzt für Handwerker, die Traktoren und LKW zu Motivwagen umrüsten, addieren sich zu einem hübschen Sümmchen.

Jeder will mitverdienen

Daran ändert auch das Motto des diesjährigen Mainzer Karnevals nichts: "Dank Euro wird die Fastnachtsfeier jetzt aach in Määnz nur halb so deier." Der Kölner Rosenmontags"zoch" beispielsweise verschlingt etwa 920 000 Euro. Allein für die Wagenbauhalle, in der das ganze Jahr über Motivwagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug gezimmert werden, muss das Düsseldorfer Karnevalskomitee 20 450 Euro Miete bezahlen; etwa 35 700 Euro verpuffen für deren Beheizung, so CC-Geschäftsführer Jürgen Rieck.

Zwar sind die meisten Karnevals-Funktionäre ehrenamtlich unterwegs, aber am Rande fällt so manches Zubrot ab. Wer in die Bütt steigt, kann - wenn er in der oberen Liga spielt - mit 255 Euro bis 1 500 Euro pro Rede seine Haushaltskasse aufbessern.

Nicht mal die Musik ist umsonst: Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) hält auch im Karneval die Hand auf. Sie sorgt dafür, dass die Komponisten von einschlägigen Karneval-Hits wie "Kornblumenblau" oder "Wer soll das bezahlen" immer dann einen Pauschalbetrag erhalten, wenn irgendwo ihre Musik gespielt wird. Allein die Separatverträge mit den großen Karnevalsvereinen spülten der Gema im letzten Jahr etwa 5 Millionen Euro in die Kasse. Hinzu kommen noch die Abgaben der kleinen Vereine, die die Gema nicht einzeln erfasst.

Wer soll das bezahlen... ?

20 % der Kosten des Düsseldorfer Karnevals decken Sponsoren, insbesondere der ortsansässigen Brauereien Gatz & Co. Den größten Batzen der 818 000 Euro, die der Düsseldorfer Zug alljährlich kostet, bringt der Verkauf der Fernsehrechte für Kappensitzungen und den Rosenmontagszug ein. Was der WDR für die Übertragungsrechte bezahlt, wird vom Sender wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Gerüchten zufolge fließt etwa eine halbe Million Euro in den Topf des Kölner Festkomitees.

Die Züge leben aber traditionell vor allem vom speziellen Verhältnis des Rheinländers zum Karneval. Für den Eintritt zu den großen Kappensitzungen berappt der Jeck im Schnitt 40 bis 50 Euro - ohne dass er auch nur an Sekt oder Selters genippt hätte. Wer den Rosenmontagszug aus der ersten Reihe miterleben will, den kostet ein Fensterplätzchen in einem der Hotel-"Schauzimmer" vor Ort schon mal 350 Euro - ohne Übernachtung und Frühstück, wohlgemerkt. Die Luxus-Ausblicke im renovierten "Excelsior" in Köln sind meist bereits Jahre im voraus von Firmen reserviert.

Prinz, Bauer oder Jungfrau zahlen wahrhaft feudale Preise. Wer nicht tief genug in die Privat-Schatulle greifen kann, hat keine Chance, eines der höchsten närrischen Ämter in der Dom-Stadt zu bekleiden. Der Spaß, eine Karnevalssaison lang "Prinz" zu sein, kostet locker 51 000 Euro, so der Zugleiter des Kölner Karnevals, Alexander von Chiari. "Jungfrau" und "Bauer" erfordern lediglich ein Portfolio von 30 000 Euro bis 40 000 Euro.

Kamellen im Wert von 920 000 Euro

Für die Teilnahme am Kölner Rosenmontagszug blecht das Fußvolk 255 bis 400 Euro pro Person, wer auf einem Wagen mitfährt, dem sind die in die Menge geworfenen Präsente laut Chiari bis zu 1 280 Euro aus dem eigenen Portemonnaie wert. 140 Tonnen Süßigkeiten und über 300 000 Blumensträußchen im Gesamtwert von etwa 920 000 Euro prasseln jedes Jahr auf die den Straßenrand säumenden Kölner Jecken herab.

Und wer räumt die festgetretenen Kamellen, tonnenweise Konfetti und den ganzen anderen Müll weg? Traditionell bilden die Müllmänner im grell-orangefarbenen Alltagskostüm die letzte Fußgruppe der Rosenmontagszüge.

Für das Aufstellen von Absperrgittern und Toilettenwagen, das Entfernen und Wieder-Aufstellen von Blumenkübeln auf der Kö, die Reinigung der Straßen und die Schank- und Sonderkonzessionen bitten die Kommunen die Karnevalsvereine zur Kasse. Die Kosten dafür summieren sich in Düsseldorf auf rund 102 000 Euro. In Köln übernimmt die Stadt die Kosten für die Reinigung, allerdings nicht nur aus Großherzigkeit: "Die Stadt Köln hat ja ein vitales Interesse daran, dass der Karneval stattfindet, weil das Umsatzsteuer bringt", erläutert eine Mitarbeiterin der Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe. Allein die Stadt Düsseldorf verzeichnet in der Karnevalszeit Mehreinnahmen von etwa 20 Millionen Euro, schätzt CC-Geschäftsführer Jürgen Rieck. Für Köln hat Zugleiter Alexander von Chiari mal was von 30 Millionen Euro Mehreinnahmen läuten hören.

"Haben keinen Dukatenscheisser zuhause"

"Wir Kölner lassen uns nicht den Karneval von Wirtschaftskrisen verderben", frohlockte zwar unlängst der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Köln gegenüber der "Welt". Doch die Rezession lässt auch das Budget der Närrinnen und Narren schrumpfen. In Düsseldorf sind die Festveranstaltungen schwächer besucht als in den letzten Jahren. "Wir merken den Einbruch", sagt Jürgen Rieck, Geschäftsführer des Comitee Düsseldorfer Carneval. Und er glaubt auch die Ursache zu kennen: "Wer geht denn noch zu einer Prunksitzung, wenn das Wasser dort 5 Euro kostet und die Flasche Wein erst ab 37 Euro zu haben ist?", empört sich der oberste Düsseldorfer Karnevalist. "Die Leute haben doch nicht alle einen Dukatenscheisser zuhause".

Auch sein Kollege Franz Wolf, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Karneval, hat eine Tendenz zur Sparsamkeit ausgemacht. "Ich stelle bundesweit fest, dass gefeiert wird, als wär's das letzte Mal. Die Leute feiern mehr als sonst, aber sparsamer. Die Damen müssen nicht mehr jeden Tag zum Friseur, und es muss auch nicht immer Sekt sein", so Wolf.

Selters statt Sekt - aber sich nach ollen Kamellen zu bücken, scheint dennoch nicht mehr angesagt. Rieck hat in diesem Jahr 7 000 Kilo weniger Bonbons geordert als im Vorjahr, dafür aber mehr Gummibärchen, Popcorn und edlere Süßigkeiten: "Die Bonbons hebt doch keiner mehr auf."

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