Vor acht Jahren gewann die Wirtschaft Monate vor der Wahl an Fahrt
Aufschwung kostete Scharping 1994 Kanzlerschaft

Eigentlich hatte Helmut Kohl die Schlacht schon verloren. Die deutsche Wirtschaft steckte 1993 in der Rezession.

ost DÜSSELDORF. Nach den Meinungsumfragen lag SPD-Spitzenkandidat Rudolf Scharping ein Jahr vor der Bundestagswahl am 16. Oktober 1994 klar vor dem Kanzler. Doch ab Herbst 1993 zog die Konjunktur allmählich an - mit leichtem Zeitverzug stiegen auch Kohls Sympathiewerte wieder. Am 16. Oktober 1994 gewann die CDU/CSU die Bundestagswahl. "Ein besseres Konjunkturtiming hätte kein Wahlkampfstratege der Regierungsparteien planen können", schrieb das Handelsblatt. Eine Chronologie:

Mai 1993: Nach dem Ende des Einigungsbooms geht es mit der Wirtschaft bergab. "Noch nie war die Lage so ernst wie heute", schreibt "Die Zeit". Der Handelsblatt-Frühindikator fällt bereits seit mehr als zwei Jahren.

Oktober 1993: Trendwende beim Handelsblatt-Frühindikator - zum ersten Mal seit fast drei Jahren liegt der Wert über dem des Vormonats. Kohl atmet auf: "Wenn das Frühjahr kommt, kippt die Stimmung, steigt das Lebensgefühl", sagt der "Ewige Kanzler".

November 1993: Doch Scharping baut in den Umfragen seinen Vorsprung aus. 52 % der Deutschen wollen ihn als Kanzler, im Vormonat waren es 45 %. Kohl kommt nur noch auf 36 %. Drei von vier Deutschen sind unzufrieden mit seiner Politik.

Februar 1994: Der Handelsblatt-Frühindikator hat seit dem Tief 1,6 Punkte gewonnen und liegt jetzt deutlich über dem Vorjahreswert. Die "Konturen der Konjunkturwende gewinnen an Schärfe", schreibt das Handelsblatt. Die Mehrheit glaubt das noch nicht: Nur 26 % rechnen 1994 mit einem Aufschwung. 58 % wünschen sich Scharping als Kanzler, 32 % Kohl.

März 1994: Der Indikator steigt den siebten Monat in Folge. Scharpings Vorsprung wird zum ersten Mal kleiner: Bei einer Direktwahl bekäme er 52 %, Kohl 36 %.

April 1994: Der Handelsblatt-Frühindikator erreicht mit-0,1 % den höchsten Stand seit Herbst 1992. Kohl startet eine Optimismus-Kampagne und redet von deutlichen Anzeichen des Aufschwungs. Dass "daran die Politik einen wesentlichen Anteil hat, steht außer Frage", sagt der Kanzler. Mit ihrem Frühjahrsgutachten machen die Wirtschaftsforschungsinstitute Kohl ein "kleines Wahlgeschenk" und sagen einen Aufschwung für das zweite Halbjahr voraus.

Mai 1994: Scharping warnt vor einer "rein wahltaktisch motivierten Überhöhung der noch schwachen Konjunkturdaten". Auf die Frage, ob der Aufschwung der Regierung nutze, antwortet Kohls Herausforderer: "Nein. Die Situation der SPD verbessert sich eher, wenn sich auch die wirtschaftliche Lage bessert." Der Handelsblatt-Frühindikator überschreitet mit +0,2 % erstmals seit 20 Monaten die Nulllinie: Westdeutschland hat die Rezession überwunden, seit dem Sommer wächst die Wirtschaft wieder. Kurz vor der Europa-Wahl am 13. Juni überholt die Union in den Umfragen zum ersten Mal die SPD.

Juni 1994: Die CDU/CSU schlägt die SPD bei der Europa-Wahl. Am Tag nach der Niederlage plakatiert die SPD die Parole "Aufschwung für alle." Der Indikator steigt weiter.

September 1994: Mittlerweile glauben 58 % der Deutschen an den Aufschwung. Die CDU/CSU liegt in den Umfragen deutlich vor der SPD: 48 % wollen Kohl als Kanzler, 44 % Scharping.

Oktober 1994: Der Handelsblatt-Frühindikator klettert auf 2,3 % - der Aufschwung steht auf breiter Basis. Am 16. Oktober gewinnt die CDU/CSU 41,5 % der Zweitstimmen, die FDP 6,9 %. Die SPD erhält 36,4 %, die Grünen kommen auf 7,3 %.

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