Vor allem Banken streichen, wo es geht
Entlassungswelle rollt über ganz Europa

Strategiewechsel: Bislang hatten Firmen im Euro-Raum darauf vertraut, dass es mit der Wirtschaft wieder aufwärts geht. Sie behielten mehr Personal als nötig. Damit ist es jetzt vorbei. Die Europäer folgen dem angelsächsischen Vorbild. Sie streichen massiv Stellen zusammen: Rund 58 000 waren es allein im Oktober.

HB FRANKFURT. In Europas Konzernen regiert der Rotstift. Mit Blick auf die Börse kündigen vor allem Aktiengesellschaften an, massiv Personal zu entlassen. Dies zeigen die jüngsten Zahlen zu europäischen Stellenstreichungen von Credit Suisse First Boston (CSFB), die dem Handelsblatt vorliegen.

Damit holen Unternehmen im EuroRaum das nach, was in den USA und Großbritannien bereits vor einem Jahr stattgefunden hat: einen drastischen Kapazitätsabbau. "Die angelsächsischen Firmen nutzten die Terroranschläge vom 11. September 2001 als Vorwand für einen drastischen Stellenabbau, der nach dem Verfliegen der Telekom - und Internet-Euphorie aber ohnehin notwendig war", sagt Daval Joshi, Wertpapier-Stratege der Großbank Société Générale. Auch im Euro-Raum gehe die Strategie der Unternehmen, Schwächephasen ohne Entlassungen zu überbrücken, nicht länger auf.

Auf 58 000 beliefen sich die im Oktober angekündigten Stellenstreichungen im Euro-Raum, gegenüber 30 000 im September. In Westeuropa insgesamt waren es 72 000, nach 49 000 im September (siehe Grafik). In Großbritannien wurden im Oktober dagegen nur 7000 angekündigt. Im gesamten Euro-Raum war der Oktoberwert dagegen deutlich höher als der Monatsdurchschnitt nach den Terroranschlägen.

Für die USA veröffentlicht das Personalberatungsunternehmen Challenger, Gray & Christmas eine entsprechende Statistik. Der Oktoberwert, der gestern bekannt gegeben wurde, ist danach auf 176 010 in die Höhe geschnellt, nachdem die Streichungspläne im September noch auf ein 22-Monatstief gefallen waren. Auch der Oktoberwert liegt allerdings noch deutlich unter dem Durchschnitt von September bis November 2001 als 224 000 Stellen pro Monat auf die Streichliste gesetzt worden waren.

Innerhalb des Euro-Raums fallen zwei Besonderheiten auf: zum einen die Beschleunigung des Personalabbaus im Finanzgewerbe, zum anderen die deutliche Schlussposition, die Italien im Oktober eingenommen hat. Die CSFB-Statistik weist für Oktober 22 500 Stellenstreichungen im Bank- und Finanzgewerbe aus. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung. Mit Jobstreichungsplänen im Volumen von fast 90 000 im Durchschnitt der vergangenen zwölf Monate ist die Finanzbranche hinter Technologie und Telekom der Wirtschaftsbereich, der in absoluten Zahlen den stärksten Personalabbau plant. Einen vergleichbaren Kapazitätsschnitt im Finanzgewerbe hat es in Kontinentaleuropa in der Nachkriegszeit bisher nicht gegeben. "Es hatte sich Anpassungsbedarf aufgestaut, und die Auslastung ist wesentlich volatiler geworden", kommentierte dies ein Branchen- Insider.

Rund die Hälfte der Streichungspläne im Finanzgewerbe im Oktober gehen auf die beiden italienischen Institute Intesa-BCI und Capitalia, die frühere Banca di Roma, zurück. Hinzu kommen in Italien noch Tausende von Stellen, die der Automobilkonzern Fiat abbauen will, so dass auf das Land mehr als ein Drittel der im Euro-Raum angekündigten Job-Verluste entfällt. "Das", bemerkt CSFB-Ökonom Julian Callow, "ist allerdings eine Besonderheit, denn in der Vergangenheit waren solche Ankündigungen in Italien sehr selten."

Quelle: Handelsblatt

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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