Vor allem der Anteil der Bondemissionen in Westeuropa geht deutlich zurück
Flaues Geschäft mit neuen Anleihen macht Banken kaum Sorgen

Die Sommerflaute im Anleihegeschäft ist dieses Jahr ausgeprägter als sonst. Wann genau das Geschäft wieder anziehe, sei schwer zu prognostizieren, schreibt Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) in einer aktuellen Studie.

FRANKFURT/M. Die Sommerflaute im Anleihegeschäft ist dieses Jahr ausgeprägter als sonst. "Der Markt ist zwar nicht völlig eingetrocknet, aber im Moment gibt es nur wenig Emissionen", sagt Wolfgang Engel, Investmentbanker bei BNP Paribas. Dass in diesem Jahr weniger neue Bonds als im Rekordjahr 2001 auf den Markt kommen werden, hatten Banken allerdings vorausgesehen, deshalb macht ihnen das maue Geschäft keine großen Sorgen. Unter anderem die großen Emittenten aus der Telekombranche konzentrieren sich in diesem Jahr auf Schuldenabbau und nicht auf neue Bonds.

Probleme mache das rückläufige Volumen den Banken auch deshalb nicht, weil die Bond-Abteilungen in den vergangenen Jahren nicht drastisch aufgestockt worden seien, erklärt Engel. Von daher hätten sich die Kosten nicht wesentlich erhöht - anders als in den Bereichen Aktien sowie Fusionen und Übernahmen.

Die aktuelle Zurückhaltung der Unternehmen am Anleihemarkt wurde unter anderem durch den Bilanzskandal um Worldcom verstärkt. Seitdem schwanken die Bondkurse deutlich. Derzeit liegt der Renditeaufschlag für von den Ratingagenturen mit BBB eingestuften Unternehmen - das entspricht mittlerer Bonität - bei 230 Basispunkten. Anfang des Jahres waren es knapp 160 Punkte.

"Die schlechte Stimmung am Markt hat dazu geführt, dass viele geplante Emissionen verschoben wurden", sagt Alice Keegan, Volkswirtin bei der Ratingagentur Moody?s in London. So stellten in diesem Sommer unter anderem Bertelsmann, die Deutsche Post und der schwedische Versorger Vattenfall sowie die französische Hotelkette Accor ihre Emissionen zurück. Die Konsortialführer für diese Anleihen hatten die Unternehmen schon ausgewählt. Die Banken müssen sich jetzt noch gedulden. Mit den Bonds wird nach der Sommerpause, also ab September gerechnet. Volkswagen startet heute mit der Roadshow für eine Anleihe über etwa 1 Mrd. . Erwartet wird auch ein Bond von France Télécom, bei dem die Lead Manager noch nicht feststehen.

Wann genau das Geschäft wieder anziehe, sei schwer zu prognostizieren, schreibt Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) in einer aktuellen Studie. Viele Emittenten würden wohl darauf warten, dass sich der Markt stabilisiere. Auch die Zeit der Mega-Deals sei zunächst vorbei. Emissionen über 1 Mrd. sollten eher die Ausnahme sein. Gerade die großen Emissionen sind bei den Konsortialführern begehrt, da die Provisionen insgesamt mit dem Emissionsvolumen steigen.

Insgesamt ist das Volumen neuer Anleihen trotz des Rückgangs noch hoch. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres wurden laut Moody?s Internationale Anleihen über 828 Mrd. $ begeben. Internationale Anleihen sind Bonds von Staaten, staatlichen oder supranationalen Organisationen und Unternehmen, die über ein Bankenkonsortium in mindestens zwei Ländern platziert werden. "Der Anteil westeuropäischer Emittenten ist auf 41,3 % gesunken", erklärt Keegan. "Bei Einführung des Euros 1999 lag ihr Anteil noch bei 49,8 %".

Besonders drastisch ist der Rückgang in diesem Jahr bei Bonds europäischer Unternehmen. Laut DKW emittierten sie in den ersten sieben Monaten des Jahres Anleihen über knapp 90 Mrd. und damit 37 % weniger als in den ersten sieben Monaten 2001. Anfang des Jahres hatte die Investmentbanktochter der Dresdner Bank geschätzt, dass europäische Unternehmen in diesem Jahr 125 bis 150 Mrd. an neuen Bonds begeben werden. An dieser Prognose wird festgehalten, wenn auch eher am unteren Ende. Für eine positive Überraschung sorgten bislang europäische Versorger, die Geld für Fusionen und Übernahmen brauchten. Mit insgesamt gut 18 Mrd. emittierten sie im ersten Halbjahr etwa die Hälfte mehr Bonds als im Vergleichszeitraum, hat DKW ausgerechnet. Für den Rest des Jahres erwarten Analysten aber nur noch wenig neue Versorgerbonds.

Dafür sollte das Geschäft mit neuen Anleihen von Banken und Versicherungen weiter anziehen, meint Engel. Die Analysten von Moody?s rechnen zudem damit, dass europäische Staaten in den kommenden 18 Monaten mehr Anleihen emittieren werden als im Vorjahr. "Ein großer Anteil auslaufender Bonds und höhere Budgetdefizite der Staaten sollten die Finanzagenturen der Länder dazu bewegen, die Kapitalmärkte öfter anzuzapfen", sagt Keegan. Kleinere Staaten vergeben dabei ihre Anleihen über Bankenkonsortien. Auch von der Kreditanstalt für Wiederaufbau werden mehr Bonds als im Vorjahr erwartet. Die Förderbank hat vor gut einem Monat für dieses Jahr ihren Refinanzierungsbedarf für dieses Jahr von 40 Mrd. auf 45 Mrd. bis 50 Mrd. erhöht.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%