Vor allem lohnintensive Produktionen ziehen um
Auch kleine Firmen wollen Jobs verlagern

Werner Geillinger sieht den Umzug pragmatisch: "Wenn wir hier nicht produzieren würden, hätten wir im weltweiten Wettbewerb keine Chance." Der Nürnberger Elektronikzulieferer Leoni AG reagiert auf das Preisdiktat seiner Kunden, der großen Autofirmen - und zieht in den billigen Osten. Geschäftsführer Geillinger leitet bereits das zweite Leoni-Werk in Osteuropa, erst in der Slowakei und jetzt in der Ukraine. Dort laufen Bordnetze vom Band - gefertigt von 1 600 Billigarbeitskräften. 86 % der 21 300 Leoni-Beschäftigen arbeiten im Ausland - Tendenz steigend.

DÜSSELDORF. Was für Manager selbstverständlich ist, wird für Politiker zum Ärgernis. Einen "unpatriotischen Akt" nennt es Bundeskanzler Gerhard Schröder, dass der Deutsche Industrie- und Handelskammertag regelrecht zur Jobverlagerung aufruft. DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun hatte im "Tagesspiegel" zwar nur empfohlen, "die Chancen zu nutzen, die zum Beispiel in der Osterweiterung liegen". Doch legte Braun noch nach: Deutschland brauche Reformen, damit Unternehmen nicht zur Sicherung ihrer Existenz zu diesem Schritt gezwungen würden.

Ohnehin sind Europas Unternehmen schneller als die Politik. Sie teilten den goldenen Osten bereits unter sich auf, als Brüssel noch an den Beitrittsakten arbeitete. Seit dem Fall des eisernen Vorhangs herrscht Goldgräberstimmung. Erst zogen Textil- und Baufirmen um, dann kamen Autobauer, Telekomfirmen, Banken und zuletzt Software- Entwickler - alle auf der Suche nach billigen Arbeitskräften. Heute weiß man, dass es vor der Haustür gut ausgebildete Ingenieure und Programmierer, Kunden und günstige Steuersätze gibt. Allein deutsche Firmen investierten 36,8 Mrd. Euro in Osteuropa. Steht mit dem Beitritt ein neuer Verlagerungsschub bevor?

"Jetzt kann nur noch eine kleine Nachwelle kommen", sagt Hermann Clement, Direktor des Osteuropa-Instituts in München. Der Boom sei vorbei, der kam bereits mit den großen Privatisierungen in Ungarn, Tschechien oder Polen. Mit dem EU-Beitritt fällt für Osteuropa-Töchter zwar Bürokratie weg, wie das Ausfüllen von Ursprungs- und Zollerklärungen. Aber auch mit der Freihandelszone konnten die Investoren leben: "Der 1. Mai ist eher ein formaler Akt", so Peter Havlik, Vizechef des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsforschung. Dagegen sieht Ulrich Dietsch, Geschäftsführer des Ost- und Mitteleuropa Vereins einen neuen Trend: "Nach dem Beitritt werden verstärkt kleine und mittelständige Unternehmen folgen." Dass der Marsch gen Osten weitergeht, sieht er an der eigenen Statistik: In 2004 zog die Mitgliederzahl des Unternehmervereins bereits um fast ein Zehntel an. Auch eine Umfrage von Fraunhofer-Institut und der Unternehmensberatung Droege & Comp. bestätigt den Trend: 46 % der befragten 980 deutschen Unternehmenschefs peilen in den kommenden drei Jahren eine Verlagerung der Produktion ins Ausland an.

Immerhin 18 % der kleinen Unternehmen (Umsatz unter 100 Mill. Euro) drängen in Kostenparadiese, vor drei Jahren waren es nur 6 %. Die großen Firmen denken dabei heute vor allem an China, die kleineren an Osteuropa. Schon heute sind die deutschen Investitionen hier kleiner und arbeitsintensiver als Direktinvestitionen außerhalb Europas, ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Denn die Märkte sind relativ klein, vor allem lohnintensive Produktionen ziehen um. "Nearsourcing", die Verlagerung ganzer Dienstleistungssparten deutscher Firmen in den Osten, kommt hinzu. So verlegt Siemens IT-Arbeitsplätze nach Polen oder Tschechien.

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