Vor allem London fehlt es aber noch an einer klaren Strategie
Europas Börsen drängen an die Börse

Als Werner G. Seifert im Februar den Börsengang der Deutschen Börse initiierte, musste er noch manche Bedenkenträger in der Finanzszene überzeugen. Heute darf sich der Börsenchef als eine Art Vorreiter fühlen. Denn das Beispiel macht Schule.

HB FRANKFURT. Die Dreiländerbörse Euronext debütiert Anfang Juli auf dem Parkett, die Londoner Börse (LSE) will im Sommer vom außerbörslichen Handel an den eigenen Markt wechseln. Vorige Woche erklärte auch die italienische Börse, sie prüfe ein Going Public. Pläne für ein Listing sollen den Aktionäre bald zur Prüfung vorliegen.

Das Leitmotiv hinter den Platzierungen ist der Umbruch der europäischen Finanzszene. "Die Börsen bereiten sich auf die Konsolidierung der Branche vor", meint Harry Harutunian von Commerzbank Securities. Schließlich können die Aktien als Aquisitionswährung für Übernahmen oder wechselseitige Beteiligungen verwendet werden. Mehr als 30 Börsen und über ein Dutzend Wertpapierabwickler gibt es heute in Europa - weit mehr als im Zeitalter des Euro nach Meinung von Experten nötig sind. Vor allem die international agierenden Investmentbanken drängen auf eine Konzentration, von der sie sich erhebliche Kostensenkungen versprechen. Eine Fusionswelle scheint nur noch ein Frage der Zeit - und das Trio London, Frankfurt und Euronext dürfte die Führungsposition in Europa unter sich aus machen.

Allerdings ist der Börsentrend nicht auf Europa - auch der Betreiber des Stockholmer Aktienmarktes (OM-Gruppen) und seit kurzem Oslo sind börsennotiert - beschränkt. Im November ging Singapur als dritte Börse der asiatisch-pazifischen Region nach Australien und Hongkong aufs Parkett. Und in den USA peilt die Nasdaq ihr Börsendebüt für das nächste Jahr an.

Derzeit richten sich die Augen aber auf Euronext. Die französisch-holländische-belgische Börse will 25 bis 30 % des Kapitals platzieren. Einzelheiten sollen an diesem Donnerstag bekannt werden. Die Konsortialbanken gehen aber bereits von einem Emissionsvolumen von bis zu 1 Mrd. aus. Insgesamt wäre Euronext damit rund ein Viertel weniger wert als die Deutsche Börse (Marktwert: 4,3 Mrd. ). Die Londoner Börse, deren Aktien über das Wertpapierhaus Cazenove gehandelt werden, wird derzeit mit 1,1 Mrd. Pfund bewertet.

Wer mit wem fusioniert, ist völlig unklar

Der allgemeine Drang, möglichst schnell und viel Geld für eventuelle Fusionen einzusammeln, überschattete lange Zeit den Mangel an konkreten Aussagen zu Übernahmezielen. So gilt zwar die Konsolidierung der Branche als unvermeidlich. "Aber es ist überhaupt nicht klar, in welche Richtung sie erfolgen wird", meint Joachim Müller, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Während manche Experten eine Konsolidierung der Börsen vorhersehen, halten andere eine Bereinigung der Abwicklungslandschaft für wahrscheinlicher. Die gescheiterte Fusion von Frankfurt und London zeigte voriges Jahr jedenfalls, dass nationale Vorbehalte die Börsenintegration noch erschweren können.

Als erste Börse machte jetzt Euronext ein konkretes Übernahmeobjekt aus. Vorige Woche kündigte die portugiesische Börse BVLP ihre Absicht zu einer Fusion mit der Dreiländerbörse an. Damit dürften die portugiesische Aktien, die bislang bei ausländischen Großinvestoren kein allzu großes Interesse hervorrief, stärker ins Rampenlicht rücken. Umgekehrt könnte Euronext-Chef Jean Francois Théodore einen Prestige-Erfolg gegenüber London und Frankfurt verbuchen.

Gute Chancen für Euronext

Finanzkreise räumen Euronext gute Chancen eingeräumt, auch mit der Börse Warschau ins Geschäft zu kommen. Deren Präsident Wieslaw Rozlucki stellte jetzt die Möglichkeit eines Börsengangs im nächsten Jahr in Aussicht. Wie andere Experten glaubt Rozlucki, dass sich in Europa drei oder vier große Börsennetzwerke heraus kristallisieren - und einem will sich Warschau anschließen.

Auch die Deutsche Börse hat vier Monate nach ihrem Kapitalmarktdebüt ein erstes Übernahmeziel fixiert. Seifert bestätigte gestern offiziell Pläne zur Übernahme jener 50 % des Wertpapierabwicklers Clearstream, die der Börse noch nicht gehören. Dahinter steckt indes eine andere Strategie als bei der Konkurrenz.

Während Euronext mit Portugal neue Aktien auf ihre Systeme lädt, wollen die Frankfurter mit Clearstream ihre "Silo-Struktur" zementieren, also die Kontrolle über die komplette Wertschöpfungskette vom Handel bis zur Abwicklung. Dennoch: Es ist längst nicht sicher, ob Seifert zum Zuge kommt. Bei einigen der etwa 90 Banken, die das anvisierte Clearstream-Paket halten, gibt es offenbar Bedenken. Sie befürworten eher eine Fusion der beiden großen europäischen Abwickler, Clearstream und Euroclear.

Am wenigsten klar sind die Absichten der LSE. So bietet die LSE anders als Euronext und Frankfurt nur den Aktienhandel an, nicht aber die Abwicklung oder das Derivatgeschäft. Manche Experten mutmaßen, die Briten könnten versucht sein, den Silo der Deutschen Börsen zu imitieren und den britischen Abwickler Crest oder das London Clearing House unter ihr Fittiche zu nehmen.

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