Vor dem Halbfinalspiel
"Müssen Übermenschliches gegen Korea leisten"

Der deutsche Torwart-Star Oliver Kahn erwartet ein hartes und Kräfte zehrendes Spiel gegen die Gastgeber - und freut sich dennoch auf die Atmosphäre im Hexenkessel von Seoul.

dpa SEOGWIPO/SüDKOREA. Die ganze Welt lästert über den deutschen Fußball, "Kaiser Franz" poltert und in Seoul wartet die "rote Hölle" - doch im deutschen Lager zählt allein die sensationelle Aussicht auf ein Traumfinale gegen Rekord-Weltmeister Brasilien. "Wir sind so auf unser Ziel fokussiert, dass das alles Kleinigkeiten sind. Das berührt uns gar nicht", schob Kapitän Oliver Kahn alle negativen Einflüsse entschieden beiseite. Die ganze Konzentration ist einzig und allein auf einen Halbfinal-Erfolg am Dienstag (13.30 Uhr MESZ/ARD und Premiere live) gegen WM-Mitgastgeber Südkorea gerichtet. "Bei uns ist jeder davon überzeugt, dass wir Weltmeister werden können", sagte Kahn am Sonntag in Seogwipo kämpferisch und selbstbewusst zugleich.

Portugal, Italien, Spanien - Rudi Völler und seine Mannen wollen unter keinen Umständen den großen Fußball-Nationen folgen, die von der südkoreanischen Euphoriewelle aus dem WM-Turnier gespült wurden. Allerdings ging der Teamchef sehr selbstkritisch bei der internen Aufarbeitung des müden 1:0 gegen die USA zu Werke. "Wenn wir gegen die Südkoreaner bestehen wollen, dürfen wir nicht nur kämpfen. Wir müssen schon ein paar mehr spielerische Impulse setzen. Es muss mehr kommen", verlangte Völler eine deutliche Steigerung im Vergleich zu dem weltweit hämisch kommentierten Erfolg gegen die Amerikaner.

Der mit Lob überschüttete Kahn rief seine Mitspieler, vor die er sich schützend stellte ("Ohne sie bin ich gar nichts"), dazu auf, trotz müder Beine gegen die südkoreanischen Konditionswunder noch einmal über die Schmerzgrenze zu gehen: "Wir müssen wahrscheinlich eine übermenschliche Leistung bringen, um ins Finale zu kommen."

Energie wollen die nach der Abwehrschlacht gegen die Amerikaner total erschöpften deutschen Akteure ausgerechnet aus der Atmosphäre im Hexenkessel von Seoul schöpfen. "Die Mannschaft wollte dieses Spiel haben. Ich habe so etwas wie hier noch nie erlebt. Diese Mill. von Menschen, alle diese roten T-Shirts an. Da brennt man drauf als Spieler, in so ein Stadion zu gehen", beschrieb Kahn die Vorfreude auf "ein Fußballfest" vor knapp 64 000 Koreanern, die ihr Team mit dem Schlachtruf "Daehan Minguk" nach vorne peitschen.

Bangen um die Teilnahme an diesem Erlebnis muss Dietmar Hamann. Denn die Innenbanddehnung am rechten Knie des Mittelfeldspielers ist schwerwiegender als befürchtet. "Die Ärzte arbeiten fieberhaft daran", berichtete Bundestrainer Michael Skibbe, dessen notorischer Optimismus ausnahmsweise in alarmierende Skepsis umschlug: "Eine Spielprognose zu wagen, wäre verfrüht."

Hamann kämpft allerdings um seinen Einsatz. Beim letzten Training auf der Insel Cheju am Sonntagabend absolvierte er zumindest wieder ein leichtes Lauftraining. Trotzdem steht Jens Jeremies bereits in den Startlöchern, um den nicht für möglich gehaltenen Durchmarsch ins Endspiel aktiv mit zu realisieren. "Das Halbfinale kann nicht unser Ziel sein", erklärte der Münchner. Zumal das mögliche erste Duell einer deutschen Mannschaft in der 72-jährigen WM-Geschichte mit dem viermaligen Champion Brasilien schon in den Hinterköpfen steckt. "Das ist ein Riesenreiz", frohlockte Kahn bei der Aussicht auf den finalen "Showdown" gegen Ronaldo und Co. am kommenden Sonntag in Yokohama.

Weitgehend ausgeblendet im DFB-Quartier wurde dagegen die Kritik am deutschen Spiel und Franz Beckenbauers neuerlicher Rundumschlag, bei dem er nur Erfolgsgarant Kahn aussparte. "Bei Franz sind wir das alle gewöhnt, das sehen wir nicht so dramatisch", bemerkte Völler gelassen. "Die Leute in Deutschland gehen auf die Straße, sie feiern. Das ist das Wichtigste, nicht das, was so genannte Experten sagen", kommentierte Christian Ziege. Kahn sah sich am Sonntag extra noch einmal die letzte Viertelstunde des USA-Spiels an und verteidigte seine Teamkollegen, die sich "reingehauen" hätten. "Ich bin auch ein Freund von ästhetischem Fußball. Aber dieses Turnier steht unter einem anderen Stern. Die Mannschaften, die meinten, hier mit Glanz und Gloria spielen zu können, liegen seit 14 Tagen schon wieder am Strand", argumentierte der Kapitän mit Blick auf die kläglich in der Vorrunde gescheiterten WM-Favoriten Frankreich und Argentinien.

Völler will sich ebenfalls nicht beirren lassen, zumal er um die bescheidenen Möglichkeiten seines Personals weiß. "Wir haben einen sehr, sehr guten Torwart, sind sehr gefährlich in Standards, beim Kopfball. Da ist es doch keine Schande, wenn man auf diese Art und Weise seine Spiele gewinnt", verteidigte Völler die deutschen Qualitäten und Tugenden. Er setzte den Hebel am Wochenende an anderer Stelle an: "Wir müssen viel selbstbewusster auftreten", bemängelte der 42-Jährige das ängstliche Auftreten seines Teams.

Sorgen machen sich die Deutschen um einen möglichen Schiedsrichter-Bonus für den Gastgeber. "Gegen Italien und Spanien war das eine oder andere Tor dabei, bei dem man sich gefragt hat, warum es nicht zählte", meinte Kahn. Doch auch falsche Pfiffe dürften nicht dazu führen, dass man aus dem Konzept gerät, betonte Kahn: "Da darf man sich nicht provozieren lassen."

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