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Vor dem Monsun

Wer in diesen Tagen in Delhi vor die Tür tritt, den trifft die Hitze wie eine Faust. Die Luft kocht. Sie riecht scharf, metallisch. Es ist wie neben einem Hochofen beim Abstich.

Wer in diesen Tagen in Delhi vor die Tür tritt, den trifft die Hitze wie eine Faust. Die Luft kocht. Sie riecht scharf, metallisch. Es ist wie neben einem Hochofen beim Abstich. Mittags steht die Sonne punktgenau senkrecht und brüllt von einem schmutzgrauen Himmel auf die Erde herab wie ein wütender Gott. Das grell flimmernde Licht verwischt die Farben. Aschfahl ist die Stadt, eingestaubt, versmogt. Alles Lebende welkt in diesem Menschenbackofen. Selbst die Bettler haben die Kreuzungen verlassen. Wer laufen muss, schleppt sich in Zeitlupe über die Straße. Manchmal erhebt sich ein sengender Wüstenwind aus den nahen Weiten Radjasthans und faucht mit einem Feuerhauch durch entvölkerte Häuserfluchten. Bei 47 Grad im Schatten kühlt er nicht, sondern heizt zusätzlich auf und lässt den Asphalt schmelzen.

Unter der Wucht dieser Naturgewalt bricht jeden Juni die brüchige Infrastruktur der indischen Hauptstadt zusammen. Auch die besten Wohnviertel haben täglich für Stunden keinen Strom und kein Wasser, in vielen Armenvierteln kommt seit Wochen kein Tropfen mehr aus den Hähnen. Nachts liegen auf jedem Zipfel Bürgersteig Menschen, die der Glut in ihren stickigen Buden ins Offene entfliehen. Auch Privilegierte mit Klimaanlagen schlafen nur leicht. Die Oberschicht und die Ausländer sind vor dem Inferno meist geflüchtet, entweder in von den Briten hinterlassene Hill Stations im Himalaja oder zu Verwandten nach Übersee.

Zeitungen füttern die Zurückgebliebenen täglich mit der Zahl der Hitzetoten vom Vortag. Auf noch größeres Interesse stoßen indes Meldungen auf den Titelseiten vom Fortgang des Monsuns. Grausam langsam arbeitet er sich vom Süden des Subkontinents in den versengten Norden hoch. Dem Beginn der Regenzeit fiebert Delhi entgegen wie dem Messias. In zwei, drei Wochen wird der erste Wolkenbruch vom Himmel stürzen, alles fluten und die Qual beenden. Überall werden dann Menschen auf den Straßen tanzen. Frauen werden sich nicht um ihre von der Nässe durchsichtig gewordenen Saris kümmern, sondern wie in Trance durch den Regen wandeln, lachend. Wer die Urgewalt der Hitzewochen nicht erlebt hat, ist bei diesem Freudenfest nur unbeteiligter Zuschauer, taub für den Stoßseufzer der Erlösung, der die Stadt erhaben summen lässt wie ein Glocke.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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