Vor den Quartalszahlen
Analysten sehen Siemens-Konzern in der Verlustzone

Die Halbleiter-Tochter Infineon Technologiesund die Kommunikationssparten haben den Münchener Siemens-Konzern nach Einschätzung von Analysten im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2000/01 erneut in die roten Zahlen rutschen lassen.

Reuters MÜNCHEN. Die steigenden Gewinne der Bereiche Energieerzeugung, Verkehrs- und Medizintechnik würden die Verluste von Infineon und der Mobilfunk- und Netzwerksparte nicht ausgleichen, sagen die Branchenexperten. Sie rechnen im Mittel mit einem Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) von 490 Millionen Euro im vierten Quartal, was zum Vorquartal eine Verschlechterung von gut zwei Prozent bedeuten würde. "Die High-Flyer sind zu den Sorgenkindern von Siemens geworden", hieß es bei den Analysten.

Siemens will die Zahlen für das vierte Quartal und für das gesamte Geschäftsjahr 2000/01 (zum 30. September) am Mittwoch vorlegen. Die 50,4-prozentige Tochter Infineon präsentiert ihre Zahlen schon am Dienstag. Siemens will die Mehrheit an Infineon aber abgeben und mittelfristig ganz aussteigen.

Im Vorjahresquartal, als die Halbleiter- und die Mobilfunkindustrie noch boomte, hatte Siemens ein operatives Ergebnis von 840 Millionen Euro ausgewiesen. Vor allem die anhaltende Marktschwäche dieser Bereiche macht dem Konzern jetzt zu schaffen. Auch bei der Automobilzuliefer-Sparte VDO und dem Logistikbereich Dematic rechnen die Analysten mit roten Zahlen im vierten Quartal. Dazu kämpften die Bereiche Energieversorgung und Industrie-Lösungen mit der Abschwächung der Konjunktur und dürften Ergebnisse vermutlich nur knapp über der Null-Linie vorlegen, sagte Roland Pitz von der HypoVereinsbank.

Für den gesamten Konzern erwarten die Analysten im Mittel einen Umsatz von knapp 23 Milliarden Euro im vierten Quartal, was rund drei Prozent unter dem Niveau des Vorjahresquartals läge. Für 2000/01 hätte Siemens demzufolge seinen Umsatz um knapp neun Prozent auf 85,45 Milliarden Euro gesteigert. Nicht einig sind sich die Analysten aber über die Höhe der Kosten für die Restrukturierung und den angekündigten Personalabbau bei Siemens, die im vierten Quartal anfallen. Beim Ergebnis nach Steuern liegen die Schätzungen in einer ungewöhnlich großen Spanne von plus 297 Millionen Euro bis minus zwei Milliarden Euro. Branchenkenner haben zum Teil Restrukturierungskosten von bis zu einer Milliarde Euro im vierten Quartal veranschlagt. Siemens hat den Abbau von weltweit 16.600 Arbeitsplätzen in den Kommunikationssparten angekündigt.

Siemens habe den Analysten aber auch kaum Anhaltspunkte für ihre Schätzungen gegeben, hieß es. Exakte Prognosen für das Geschäftsjahr hatte Siemens-Chef Heinrich von Pierer schon seit der Halbjahrspressekonferenz im April abgelehnt. Im Juli hatte er lediglich gesagt, dass der Konzernüberschuss des vergangenen Geschäftsjahres 1999/2000 wohl nicht mehr erreicht werde. Damals hatte Siemens vor außerordentlichen Erträgen einen Gewinn von 3,38 Milliarden Euro verbucht. Im laufenden Geschäftsjahr hatte Siemens einen Sonderertrag aus der Übertragung von Infineon-Anteilen an den eigenen Pensionsfonds von rund 3,5 Milliarden Euro erzielt. Geschätzte 800 Millionen Euro aus dem geplanten Verkauf des Kunststoffmaschinen-Herstellers MPM sind Siemens aber durch das Scheitern der Verhandlungen durch die Lappen gegangen.

In einem Interview mit dem Handelsblatt gab von Pierer am Montag noch einmal einen groben Überblick über die Entwicklung der Bereiche. In der Medizintechnik, dem Kraftwerksbau und der Bahntechnik sei Siemens "bis zur Halskrause mit Aufträgen eingedeckt", sagte er. Weitere Bereiche wie Automatisierung, Osram, Siemens Building Technologies und Industrial Services seien von der Konjunktur abhängig. "In der Automatisierung sind wir stark. Wir haben dort ein gutes Ergebnis, das jetzt wohl auf hohem Niveau stagniert. Ähnlich bei Osram: Der Bereich liefert hohe Erträge. Auf den anderen Gebieten müssen wir uns anstrengen", sagte von Pierer.

"Das größte Sorgenkind von Siemens ist die Netzwerksparte ICN", sagte Theo Kitz von Merck Fink & Co. Siemens könne es seiner Ansicht nach nicht aus eigener Kraft schaffen, diese Sparte konkurrenzfähig zu machen. "Bei ICN ist schon ein Quantensprung nötig, entweder durch eine große Übernahme oder durch eine Kooperation mit einem Partner", sagte er. Die Mobilfunksparte leide dagegen wie alle anderen Anbieter unter der Marktschwäche. "Hier ist Siemens richtig aufgestellt, die Produkte sind gut", sagte Kitz. Mit einer Markterholung rechnet er aber erst 2002.

Die Papiere des Elektronikkonzerns Siemens fielen am Montag wegen der Befürchtungen von Anlegern, dass es bei den Quartalszahlen zu negativen Überraschungen kommen könnte, um fast fünf Prozent auf 56,49 Euro.

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