Vor der Entscheidung
Orakel der US-Wahl: Wenn das Leitrind lahmt

Wen sie gewählt haben, der wurde auch Präsident: Seit 100 Jahren war Missouri das Orakel der US-Politik. Dieses Jahr könnte es irren - weil das einstige Herz Amerikas zum Fremdkörper geworden ist.

CUBA. Gut 50 musste Nick Sanazaro werden, um zum ersten Mal in seinem Leben sein Auto mit Wahlwerbung zu bekleben. "Ich weiß nicht genau warum", sagt er, "aber ich war immer der Meinung, es macht sich nicht gut, wenn man Aufkleber aufs Auto pappt - schon gar nicht mit seiner politischen Einstellung darauf."

Zwei Gründe hatte seine Zurückhaltung. Da ist einmal seine Position. Sanazaro, der Enkel eines italienischen Einwanderers, ist Chef von Meramec, einer 100-Mann-Firma, die Elektroteile wie Transformatoren und Schalter herstellt. Und da ist, viel wichtiger, die politische Kultur hier in diesem Landkreis namens Crawford, Missouri, im Herzen Amerikas, wo Meramec seinen Sitz hat und seinen Namen einem Fluss verdankt. In Crawford County leben Anhänger von Republikanern und Demokraten noch friedlich miteinander. Leben und leben lassen. So wie es früher einmal überall in Amerika war. Bevor Politik zu einem Kulturkampf wurde, der alle vier Jahre zur Präsidentschaftswahl seinen Höhepunkt erreicht - und den Graben, der Konservative und Liberale in den USA trennt, vertieft.

Hat der Riss nun auch Crawford County erreicht? Denn Nick Sanazaro hat einen Teil seiner Zurückhaltung aufgegeben - für John McCain: "Meine drei Töchter haben in ihren Vorgärten Obama-Schilder aufgestellt. Meine Mutter schwärmt jeden Tag für Hillary Clinton und bedauert, dass sie nicht mehr im Rennen ist. Da musste ich einen Kontrapunkt setzen." Ein kleiner Aufkleber mit "McCain 2008" prangt nun auf der Stoßstange seines Trucks.

Wen sie in Missouri wählen, ist seit über 100 Jahren ein wenig wichtiger als in den anderen 49 Bundesstaaten der USA. Denn in 25 der 26 Präsidentschaftswahlen seit 1904 hat Missouri mehrheitlich für den Sieger gestimmt. Nur 1956 lagen sie hier am Meramec falsch: Statt Adlai Stevenson, der aus dem benachbarten Illinois stammte, gewann der Republikaner Dwight D. Eisenhower. Missouri gilt als "Bellwether State", als "Leithammel" unter den Bundesstaaten.

Und 2008? Ist Missouri nach Analysen der "New York Times" einer von nur noch sechs Staaten, in denen das Wahlergebnis am kommenden Dienstag als völlig offen gilt. Zuletzt lag gar John McCain in Missouri knapp vorn - vor dem großen, landesweiten Favoriten Barack Obama. Könnte Missouri irren?

Crawford County, das sind die Ozarks, die einzige hügelige Gegend zwischen den Bergen der Appalachen im Osten und den Rocky Mountains im Westen. Knapp 23000 Menschen leben hier. Rinderfarmen und Weingüter, Wälder und Kleinbetriebe wechseln sich hier ab. Einen Hauch von Abenteuer versprechen allenfalls die Schilder entlang der Interstate 44, die in eine Höhle locken, wo der berühmte Outlaw Jesse James vor mehr als 100 Jahren Unterschlupf gefunden haben soll. "Missouri ist ganz Amerika an einem Ort", sagen sie hier, ein Mikrokosmos Amerikas. Deshalb wohl wählt Missouri immer so wie das ganze Land. Wählte.

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