Vor drei Jahren als Reformer angetreten
Die "Zeit" verliert ihren Chefredakteur de Weck

Der Chefredakteur der renommierten Hamburger "Zeit", Roger de Weck, wird Anfang nächsten Jahres sein Amt abgeben. Mit dieser Mitteilung hat am Mittwoch die Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck die seit Tagen anhaltenden Spekulationen um das Schicksal des 47-Jährigen beendet, den der Holtzbrinck-Konzern noch vor drei Jahren als Sanierer an die Alster geholt hatte.

dpa HAMBURG. Verleger Dieter von Holtzbrinck, dem neben großen Zeitungen ("Handelsblatt", "Tagesspiegel") auch große Buchverlage (Rowohlt, S. Fischer) gehören, begründete die "einvernehmliche" Trennung mit nicht näher erläuterten Differenzen über den weiteren Ausbau der "Zeit", die der Stuttgarter Konzern 1996 gekauft hatte. Der Nachfolger des Schweizer Bankierssohn soll erst in den kommenden Wochen ernannt werden. Zugleich bestätigte aber Holtzbrinck, dass Kultur- Staatsminister Michael Naumann, der schon früher bei der "Zeit" als Redakteur arbeitete, künftiger Mitherausgeber werden soll. Die Gespräche stünden vor dem Abschluss.

De Weck, früherer Wirtschaftschef der "Zeit" und dann Chef des Züricher "Tages-Anzeiger", war im Herbst 1997 als Modernisierer zur "Zeit" zurückgeholt worden. Er verpasste dem Blatt ein neues Design, stellte das mit einem jährlichen Verlust von sechs Mill. DM hoch defizitäre "Zeit-Magazin" ein und ersetzte es durch eine ins Blatt integrierte vierfarbige Lifestyle-Beilage "Leben". Erst vor wenigen Wochen wurde schließlich der Wirtschaftsteil, der künftig mehr "New Economy" bringt, komplett reformiert. Erstmals seit fünf Jahren soll die "Zeit" dieses Jahres auch wieder schwarze Zahlen schreiben.

Weiterhin stagnierende Auflage

Doch trotz dieser "erfolgreichen Neupositionierung", wie auch Holtzbrinck am Mittwoch lobte, konnte de Weck an der stagnierenden Auflage von etwa 450 000 Exemplaren nichts ändern. Und dies, obwohl der Verlag im letzten Jahr massiv für die "Zeit" geworben hat. Der angekündigte Wechsel an der Spitze hat große Unruhe bei der Redaktion ausgelöst. "Man weiß ja nicht, was danach kommt", sagte ein Redakteur am Mittwoch der dpa. Von Seiten des Redakteursausschusses hieß, dass nach dem bei der "Zeit" geltenden Redaktionsstatut kein Herausgeber oder Chefredakteur gegen den Willen der Redaktion ernannt werden kann.

Profil stärken

Eigentümer Holtzbrinck möchte offenbar mit der Verpflichtung Naumanns als Mitherausgeber auch wieder das politische Profil des Blattes in der öffentlichen Debatte der Bundesrepublik stärken. Naumann würde an der Seite von Josef Joffe (56) stehen, dem meinungsfreudigen Leitartikler, der dieses Jahr von der "Süddeutschen Zeitung" nach Hamburg kam. Als Herausgeber fungieren weiterhin Altbundeskanzler Helmut Schmidt (81) und Marion Gräfin Dönhoff (90), die große alte Dame der "Zeit" und auch des deutschen Journalismus.

Die Probleme der "Zeit", die immer noch mit dem Ruf der "alten Tante" zu kämpfen hat, hängen auch mit den tief greifenden Veränderungen in der Medienlandschaft zusammen: Für Wochenzeitungen wird es immer schwieriger, sich in einer immer schnelllebigeren Zeit klar zu profilieren. Die großen Tageszeitungen haben ihre Hintergrund- und Meinungsseiten deutlich erweitert. "Bei vielen Tageszeitungen handelt es sich um täglich erscheinende Wochenzeitungen", lautete die schmerzliche Erkenntnis von de Weck im Oktober. Auch die vor acht Jahren gegründete Hamburger "Woche" schreibt trotz hohen Ansehens und vieler Preise für ihr modernes Design bei einer Auflage von 130 000 Exemplaren weiterhin rote Zahlen.

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