Vor Powells Nahost-Reise
Israel setzt Offensive fort

Vor Beginn der Nahost- und Nordafrikareise von US-Außenminister Colin Powell hat Israel seine Vorstöße im Westjordanland entgegen dem erklärten Willen der USA fortgesetzt.

Reuters JERUSALEM. Die Armee setzte nach Medienberichten auch in der Nacht zum Montag ihre Angriffe auf das palästinensische Flüchtlingslager Dschenin fort. Die israelische Regierung hatte zuvor eine positive Zwischenbilanz der Militäroffensive gezogen, bei der 200 Palästinenser getötet worden sein sollen. Powell reiste unterdessen aus den USA ab. Nach Stationen in Marokko, Ägypten und Spanien wird Powell im Nahost erwartet, wo er Gespräche über eine Waffenruhe in Gang bringen will. Der Sicherheitsrat der UNO forderte einen unverzüglichen Rückzug der israelischen Armee.

In der israelischen Kabinettserklärung hieß es, Ministerpräsident Ariel Scharon habe betont, dass ein schwieriger Feldzug im Gange sei, und dass viel erreicht werden müsse. In der Erklärung war von "nicht wenigen Verlusten" der Armee die Rede. Vor der Sitzung hatte Scharon gesagt, die Rücksichtnahme auf palästinensische Zivilisten ziehe die Offensive gegen Extremisten in die Länge. US-Präsident George W. Bush hatte am Samstag am Telefon an Scharon appelliert, seine Truppen unverzüglich abzuziehen.

Wie aus politischen Kreisen verlautete, sprach Israels Oberkommandeur Schaul Mofas in der Kabinettssitzung von 200 getöteten Palästinensern seit Beginn der Militäroperation. Zudem habe er einen Zeitrahmen von vier Wochen bis zum Abschluss der Offensive und weitere vier Wochen für den Rückzug skizziert. Die israelische Armee bewertete am Sonntag den Verlauf der zehntägigen Operation im Westjordanland als Erfolg. Der Einsatz, der nach israelischer Darstellung der Zerschlagung "terroristischer Strukturen" gilt, habe bereits zu einem erheblichen Rückgang an Anschlägen geführt, sagte ein Armeesprecher. Rund 1 400 Palästinenser seien festgenommen worden, darunter 361, die von Israel gesucht würden.

Der Sender CNN meldete unter Berufung auf Quellen im Flüchtlingslager Dschenin, die Armee haben in der Nacht zum Montag von Kampfhubschraubern 18 Geschosse auf das Lager abgefeuert. Die Armee hat Dschenin zum militärischen Sperrgebiet erklärt, weshalb die Information zunächst nicht überprüft werden konnte.

Israelische Panzer und Hubschrauber hatten auch am Sonntag die Städte Nablus und Dschenin angegriffen. Nach Angaben palästinensischer Sanitäter starben am selben Tag in Nablus zwölf Palästinenser, sechs von ihnen seien ihren an Vortagen erlitten Verletzungen erlegen. In Dschenin hatte die Armee am Freitag damit begonnen, Straße um Straße vorzurücken. Dabei seien mindestens 14 Palästinenser und sieben Soldaten getötet worden. Augenzeugen sprachen von mindestens 30 Toten.

Im Gaza-Streifen erschossen Soldaten der Armee zufolge zwei Palästinenser, die in eine jüdische Siedlung eindringen wollten. Vom Südlibanon aus beschossen Kämpfer der Hisbollah israelische Grenztruppen. Mindestens zwei Soldaten seien dabei verletzt worden, hieß es in israelischen Sicherheitskreisen. Die Armee erwiderte das Feuer. Israel fürchtete eine neue Front dort. Außenminister Schimon Peres hat nach Angaben seines Büros bei Powell um ein Eingreifen der USA gebeten, um eine Eskalation der Lage zu vermeiden. Syrien hat Truppen im Libanon stationiert und versteht sich als Ordnungsmacht in dem Nachbarland.

Im Sender NBC schloss Powell ein Treffen mit Palästinenser-Präsident Jassir Arafat im Rahmen seiner Nahost-Reise nicht aus. Wenn die Umstände es zuließen, werde er Arafat treffen, sagte er. Die israelische Armee hat Arafat seit Karfreitag in seinem Amtssitz in Ramallah isoliert. Bush hatte Arafat vorgeworfen, Attentate auf Israel nicht wie gefordert unterbunden zu haben.

Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (UNO) haben am Sonntag tiefe Sorge über die israelischen Vorstöße im Westjordanland geäußert und erneut einen unverzüglichen Rückzug der Armee gefordert. Nach einer nicht-öffentlichen Dringlichkeitssitzung der 15 Ratsmitglieder verlas der russische Ratspräsident Sergej Lawrow eine entsprechende Erklärung. Am Montag Nachmittag (Ortszeit) wollte der Rat nach Angaben von UNO-Gesandten zu einer öffentlichen Sitzung über die Nahost-Krise zusammenkommen.

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