Vor zehn Jahren: Putsch in Moskau
Kommentar: Der Erbe

Ohne den Augustputsch 1991 wäre der Zusammenbruch der Sowjetunion, der Wandel zu Marktwirtschaft und Demokratie in dieser Form und Geschwindigkeit nicht vorstellbar gewesen.

Als Wladimir Putin im Mai vergangenen Jahres seinen Eid als Präsident Russlands ablegte, befand sich auch Wladimir Krjutschkow unter den Gästen im Kreml. Krjutschkow war nicht nur Putins Chef im KGB, sondern auch einer der acht Putschisten des 19. August 1991. Die hatten seinerzeit Michail Gorbatschow auf der Krim festsetzen lassen und Panzer Richtung Moskau in Marsch gesetzt. Das "chaotische" Treiben der Perestroika sollte beendet, der Zerfall der Sowjetunion gestoppt werden. Auf die roten Fahnen geschrieben hatten sich die kommunistischen Hardliner die Herstellung von "Recht und Ordnung".

Mit dem Versprechen, genau dafür zu sorgen, zog auch Putin im Frühjahr 2000 in den Wahlkampf. Neun Jahre nach dem gescheiterten Putsch hatten die Bürger Russlands genug von Gesetzlosigkeit, von Korruption und Wohlstand nur für wenige. Putin wurde mit großer Mehrheit in einem Amt bestätigt, das er Monate zuvor von Boris Jelzin geerbt hatte. Doch dessen Erbe schüttelte Putin in Windeseile ab. Mit der Jelzin-Ära wollte er nichts mehr zu tun haben.

Dass sich Putins Staatsverständnis tatsächlich viel mehr an einem Krjutschkow als einem Jelzin orientiert, darf dabei gar nicht so sehr verwundern. Denn Boris Jelzin, der mutige Retter auf dem Panzer des August 1991, hatte die vielen demokratischen Chancen bald verspielt: Wie sein Vorgänger Gorbatschow regierte er ohne strategisches Konzept, fuhr wirtschaftspolitisch Zickzack und öffnete zahlreichen Rasputins die Türen. Und spätestens mit dem Beschuss des Weißen Hauses im Oktober 1993 und mit dem Einmarsch in Tschetschenien im Dezember 1994 vertraute Jelzin lieber der Gewaltoption als der Diskussion. Schon bald sollte die Frage nach dem Machterhalt die Aufbruchsstimmung nach dem vereitelten Putsch überlagern. Debatten stoppten, die Demokratie von unten blieb auf halbem Weg stecken, die Selbstfindung eines ganzen Volkes wurde bis heute unterbrochen.

Auflösung der Sowjetunion innerhalb von Monaten ohne Putsch nicht denkbar

Natürlich hat das Scheitern des Coups von 1991 Russland vor einem massiven Rückschlag in seiner Entwicklung bewahrt. Ein Erfolg der Putschisten wäre auf eine Gesellschaft getroffen, die schon in tiefen Zügen Freiheit geatmet hatte. Eine Gängelung hätte erbitterten Widerstand produziert - und einen Riss verursacht, der kaum noch zu kitten gewesen wäre. Doch ohne den Coup wäre möglicherweise vieles anders, auf jeden Fall langsamer verlaufen. Jelzins kometenhafter Aufstieg ist ohne seine Rolle im August 1991 undenkbar, genauso wenig die Auflösung der Sowjetunion innerhalb von Monaten.

Gleiches gilt für den Machtkampf des Jahres 1993. Boris Jelzins Waffengang gegen das Weiße Haus beschleunigte die politischen Prozesse rapide. Erst vor dem Hintergrund der wochenlangen Doppelherrschaft von Kreml und Oberstem Sowjet konnte Jelzin eine neue Verfassung durchpeitschen, die dem Präsidenten jene Machtfülle einräumt, die heute auch Putin eine große Versuchung ist.

Jelzins beherztes Auftreten 1991 hat eine Rückkehr des Kommunismus verhindert. Doch die Renaissance des Autoritären machte erst Jelzins Laissez-faire, Russlands "wilden Kapitalismus" möglich. Eben das erlebt die Welt jetzt in Russland unter Putin, bislang zwar noch in moderater Form, aber ohne Zweifel in der Tendenz: Der Staat muss stark sein, Kritik ist nur in engen Grenzen erwünscht, die Gesellschaft bedarf der Kontrolle. Je länger Putin regiert, desto offensichtlicher wird, wie schwer sich Russlands Präsident mit dem komplizierten, zuweilen anarchischen Funktionieren einer Demokratie tut. Auch das ist ein Erbe von 1991, ein Erbe der ungenutzten Chancen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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