Voraussetzung für ein Ende der Talfahrt an den Aktienmärkten
Anleger warten auf Kurseinbrüche und verhindern sie so

Eine Börsenweisheit bestätigt sich: Die Kurse steigen, wenn es die wenigsten erwarten. Denn ausgerechnet nachdem zu den konjunkturellen Sorgen auch noch weltpolitische Gefahren hinzugekommen waren, begann die eindrucksvolle Rally an den Börsen.

Sie bringt dem Dax bislang ein Plus von gut 30 Prozent und dem Neuen Markt von über 60 Prozent. Kurzfristig droht zwar eine deutliche Korrektur. Doch anders als bei vergangenen Zwischenerholungen dürfte dieses Mal die lange erhoffte Bodenbildung an den Aktienmärkten begonnen haben und die im März 2000 begonnene Talfahrt zu Ende gehen. Verantwortlich ist ausgerechnet die negative Gemengelage aus Konjunktursorgen und Terrorängsten.

Fundamental ist die jüngste Rally nicht gerechtfertigt. So bricht die Konjunktur seit den verheerenden Attentaten vom 11. September stärker ein als zuvor. In den USA kommt die Wirtschaft zum Stillstand, in Europa fast. Die Erstanträge auf Arbeitslosigkeit erreichen in den USA den höchsten Stand seit zehn Jahren. Das Konsumentenvertrauen - die letzte Bastion, die die Wirtschaft bislang stützte - bricht weiter ein, wie sich am Freitag in dem viel beachteten Index der Universität Michigan zeigte. Negativ sieht es auch bei den Firmen aus. Diese präsentieren in diesen Tagen einbrechende Gewinne oder weit ausufernde Verluste. Selbst Vorzeige-Unternehmen wie Cisco oder Nokia haben Mühe, ihre nach unten revidierten Prognosen anschließend einzuhalten. Besserung ist bislang nicht in Sicht.

Wenn sich in so einem Umfeld die weltpolitische Gesamtsituation dramatisch verändert wie am 11. September, kennt die Börse folgerichtig nur eine Richtung: Die Aktienkurse brechen ein. Und weil fast jeder so schnell wie möglich "raus" will, gleichzeitig aber viele Investoren die mehrjährigen Tiefststände bei fast allen Aktienkursen als "Schnäppchen" betrachten, steigen die Umsätze gigantisch.

Wenn Panik mit hohem Handelsvolumen verbunden ist, endet in der Regel eine längere Talfahrt an den Börsen. Denn die hohen Umsätze bewirken, dass alle Verkaufswilligen sehr schnell ihre Papiere loswerden. Deshalb üben anschließend weitere schlechte Nachrichten, wie in den vergangenen Tagen die vielen schlechten Konjunktur- und Quartalszahlen, keinen Verkaufsdruck mehr aus. Alle potenziellen Verkäufer hatten bereits unmittelbar nach den Terrorattacken dem Markt den Rücken gekehrt.

Damit sind die Voraussetzungen für die Rally geschaffen. Erst warten die vorherigen Verkäufer wie vor einer Ampel, bis das rote Signal auf grün springt. Doch das passiert nicht, weil sich die politische und wirtschaftliche Situation nicht ändert. Als die ersten ungeduldig werden und bei rot investieren, steigen die Kurse. Schließlich gehen weitere Wartende - bei immer noch rotem Signal - in den Markt, weil sie von den anspringenden Kursen gelockt werden. Die Rally beschleunigt sich, denn nun wechseln Spekulanten, die wegen der schlechten Nachrichten auf fallende Kurse setzten, die Front: Sie decken sich mit Aktien ein. Die Rally gewinnt an Fahrt. Fondsmanager stehen vor dem Dilemma, ihre historisch hohen Bargeldquoten verantworten zu müssen, wo doch die Kurse rasant steigen. Auch diese Strategen kaufen, denn sie wollen nicht wieder den falschen Zeitpunkt erwischen. Während der Talfahrt waren sie lange zu stark in Aktien investiert. Nun drohen sie unterinvestiert zu sein, wenn die Börse zulegt.

Die Rally nährt demnach die Rally. Doch sie steht auf brüchigem Fundament, denn die Signale sind immer noch rot. Die Kurssteigerungen können nicht auf Dauer der fundamentalen Entwicklung zuwider laufen. Die V-förmige Erholung an der Börse setzt voraus, dass sich die Unternehmen ebenfalls (V-förmig) erholen. Zwar wird das amerikanische 100-Milliarden-Konjunkturprogramm die Wirtschaft beleben. Dafür sorgen auch das hohe Geldmengenwachstum und die in diesem Jahr neun - und am 6. November wohl zehn - Zinssenkungen der US-Notenbank. Doch wann sich deren Wirkung entfaltet, kann noch niemand sagen. Sobald aber Zweifel aufkommen, dass sich die für das zweite oder dritte Quartal 2002 erwartete Erholung verzögert, werfen viele Anleger ihre Aktien wieder auf den Markt.

Dennoch sind tiefere Kurse als während der dramatischen Septembertage unwahrscheinlich. Der jetzige Aufschwung kam so unerwartet und schnell, dass ihn viele Anleger verpassten. Diese warten nun auf die zweite Einstiegschance, die ihnen fundamental und charttechnisch orientierte Analysten versprechen. Schließlich lehrt die Geschichte, dass ein längerer Aufschwung nicht V-förmig, sondern mit Rückschlägen beginnt. Auf die zweite Chance warten nach der imposanten Rally seit dem 11. September inzwischen so viele Anleger, dass deren Kaufgebote nur schwer neue Tiefststände zulassen werden.

Die Rally nährt die Rally. Doch sie steht auf einem brüchigen Fundament.

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