Vorbehalte gegen den Australier sind groß
Ruperts Welt

Rupert Murdoch hat den britischen Markt geknackt, er hat in den USA Erfolg und sogar in China. Jetzt wühlt der Medienunternehmer in den Resten der Kirch-Gruppe. Es geht ihm vor allem um Premiere. Murdoch hat schon ähnlich heikle Fälle gelöst.

Rupert Murdoch, 71, verlässt der Sinn fürs Nützliche nie. Selbst dann nicht, wenn ihn die Liebe packt. Als er im Juni 1999 nach 30 Jahren Ehe die Scheidung von seiner Frau Anna durch ist, heiratet er bereits 17 Tage später die gut aussehende Chinesin Wendi Deng, 33. Die ehemalige Praktikantin bei Murdochs TV-Sender Star versorgt ihn seitdem mit besten Kontakten in der Volksrepublik. Chinas Führer verfolgen die Anstrengungen des Tycoons etwas amüsiert: Bei einem Empfang 1998 frotzelt der künftige Premierminister Zhu Rongji seinem Nebenmann Murdoch zu: "Wären Sie auch bereit, die chinesische Staatsbürgerschaft anzunehmen, wenn das Ihren Interessen hilft?" Der Saal kichert. In den 80er Jahren hatte sich der Australier Murdoch in den USA einbürgern lassen, um dort ins Fernsehgeschäfts zu kommen.

In Deutschland kann der Chef des Medienimperiums News Corp weder auf Ehefrau Wendi noch auf eine Einbürgerung setzen. Seit Monaten wird über einen neuen Murdoch-Angriff auf den deutschen Markt spekuliert. Erst sollte es der Axel Springer Verlag sein, dann die Kirch-Tochter Pro 7 Sat 1 Media, jetzt steht Premiere im Zentrum. "Pay-TV wird kommen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es von Murdoch betrieben oder mit betrieben wird", sagt Nordrhein-Westfalens in Mediendingen stets wohlinformierter Ministerpräsident Wolfgang Clement.

Wahrscheinlich kann niemand anders Premiere retten

Die Vorbehalte gegen Murdoch aber sind groß. Die einen fürchten, dass Murdochs Medien hier zu Lande ähnlich starken politischen Druck ausüben wie in Großbritannien, wo Murdoch bei den Flaggschiffen "Times" und "Sun" bisweilen selbst die Schlagzeilen diktiert. Die anderen fürchten Murdoch als Wettbewerber. Niemand gilt schließlich als so aggressiv und unberechenbar wie der News-Corp-Chef. Aber wahrscheinlich kann niemand anders Premiere retten, der TV-Kanal, der nach einer Studie der WestLB jeden Tag 1,5 Millionen Euro verbrennt.

Murdochs Abgesandte verhandeln derzeit in München über die Reste der Kirch-Gruppe. "Die tricksen mit allen Mitteln", berichtet ein Insider. Murdoch und seine Leute würden am liebsten Premiere und die Pro-Sieben-Gruppe zum Nulltarif übernehmen. Doch die Banken stellen sich quer - Ausgang offen. Premiere braucht zum Überleben nach Einschätzung von Medienexperten Investitionen von knapp einer Milliarde Euro. Sonst droht die Pleite, die auch für Murdoch schmerzlich wäre. Schließlich ist er über die Tochter BSkyB bereits seit 1999 mit 22 Prozent beteiligt, und bei einer Insolvenz wäre vermutlich auch seine Option auf 1,7 Milliarden Euro Kirch-Geld wertlos. Medienexperten wie der Deutsche-Bank-Analyst Mike Mangan halten einen möglicherweise groß angelegten Einstieg des Amerikaners auf dem deutschen Markt für "langfristig viel versprechend".

Murdoch hat schon häufig Fälle gelöst, an denen andere gescheitert wären. Etwa Anfang der 90er-Jahre, als sein Konzern mit 7,6 Milliarden Dollar Schulden überladen war - noch stärker also als die Kirch-Gruppe. Murdoch, der 29 Prozent der News-Corp-Aktien kontrolliert, schaffte es aber im Gegensatz zu Leo Kirch, seine mehr als 150 Gläubigerbanken geduldig zu stimmen und die Kredite langfristig um zu schulden. Das globale Netz aus Fernsehsendern, Satellitenbetreibern, Zeitschriften und Zeitungen in 52 Ländern steht wieder solide da: 13,8 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftete der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr, den für 2001/02 erwarteten Verlust halten viele Analysten für einen Ausrutscher.

Boulevard fast bis zur Geschmacklosigkeit

Dass er auch scheinbar abgeschottete Märkte aufmischen kann, hat Murdoch in den USA bewiesen: Dort hat er seinen Fernsehsender Fox innerhalb weniger Jahre zum vierten großen TV-Kanal neben ABC, CBS und NBC aufgebaut - mit Sportrechten und Boulevard fast bis zur Geschmacklosigkeit: In der Rateshow "The Chamber", "Die Kammer", etwa werden die Kandidaten auf einen Stuhl gefesselt und laut Fox-Werbung "heißen Flammen, eisiger Kälte, erdbebenartigen Stößen, hurrikanstarken Winden und kleinen Elektroschocks" ausgesetzt, zum Vergnügen der Zuschauer. Aber auch im Nachrichtengeschäft hat Murdoch Erfolg: Den erst fünf Jahre alten Kanal Fox News schalten inzwischen mehr Zuschauer ein als den lange übermächtigen Konkurrenten CNN.

Sogar der Zugang zum abgeschirmten Fernsehmarkt Chinas gelang Murdoch vor einigen Wochen. Seitdem sendet sein asiatischer TV-Kanal Star legal in eine kleine Ecke des Reiches, die südchinesische Provinz Guangdong. Die Zuschauer dort beglückt das Unternehmen mit Sitcoms und Shows nach dem Rezept des US-Senders Fox. Die Zusammenarbeit mit Chinas Sicherheitsbehörden ermöglicht Reality-TV mit Videos von echten Polizei-Einsätzen.

Und bei "Frauen haben die Kontrolle" stellen sich Gigolos in Schanghai einem Schönheitswettbewerb, bei dem ein hysterisch kreischendes Frauenpublikum abstimmt. Leicht bekleidete Mädels umschmiegen die Schönlinge - und stoßen sie dann in einen Pool.

Noch ist Guangdong für Peking nur ein Test. Für Murdoch ist es der Einstieg in einen Milliardenmarkt mit 350 Millionen Zuschauern - ein Coup, für den er lange gebuckelt hat: So druckte Murdochs Zeitung "Australian" eine Woche lang jeden Tag einen Teil der Ausgabe in Chinesisch, als Präsident Jiang Zemin Australien besuchte. Mitte der 90er-Jahre verkaufte Murdoch später die extrem profitable, aber regimekritische Hongkonger Zeitung South China Morning Post. Den bei den Machthabern in Peking verhassten Dalai Lama verhöhnte er als "höchst politischen, alten Mönch in Gucci-Schuhen", und er investierte sogar 120 Millionen Dollar in China Netcom, ein Telekom-Unternehmen, das von Jiang Mianheng, dem Sohn des Staatspräsidenten Jiang Zemin, kontrolliert wird.

"Murdoch liebt, was er macht", sagt ein Weggefährte, "er ist einfach verrückt danach." Seine zweite, von ihm geschiedene Frau Anna hat ihn wegen seiner Arbeitswut einmal als lebendes "Perpetuum Mobile" bezeichnet. Rupert Murdoch rede nur über seine Welt aus Zeitungen, Verlagen und TV-Stationen, merkt Biograph William Shawcross an: "Am Pool, beim Reiten und am Steuer." Selbst zu seiner Hochzeit mit Wendi Deng war vor allem eine Sorte Gäste geladen: Top-Manager seiner News Corp und Geschäftspartner.

Heute pendelt Murdoch meist zwischen Los Angeles, dem Wohnsitz von Frau und Baby, und New York. Von dort aus leitet er sein Imperium. "Mit gelegentlichen Abstechern nach Deutschland", flachst ein Top-Mitarbeiter in Anspielung auf die Kirch-Krise. Bei Rupert Murdoch ist es wie bei Hase und Igel: Er ist immer schon da. Von seinem Besuch bei Bundeskanzler Gerhard Schröder haben Mitte Februar selbst seine engsten Mitarbeiter nichts gewusst. Rastlos jettet der Alte mit der knautschigen Boxernase um die Welt, taucht plötzlich in Redaktionskonferenzen oder bei Übernahmeverhandlungen auf.

Aber auch Rupert Murdoch scheitert bisweilen, und das mag er gar nicht: Als er Ende Oktober 2001 bei der Übernahmeschlacht um den amerikanischen Fernseh-Satellitenbetreiber Direct-TV leer ausging, fragte ihn ein Journalist, was sein Satelliten-Netz ohne Direct-TV wert sei. Die Antwort: "Was ist der Louvre ohne die Mona Lisa?" Die Niederlage lässt ihn auf seinem wichtigsten Markt ratlos zurück. In den USA erwirtschaftet News Corp drei Viertel des Umsatzes und fast 70 Prozent des operativen Gewinns.

In Deutschland scheiterte Murdoch bislang stets. Zum Beispiel bei Vox: 49 Prozent des Senders besaß er im Sommer 1998, als Ministerpräsident Clement ihn enthusiastisch auf dem Medienforum NRW in Köln begrüßte. "Ich hoffe, dass er ordentlich Geld mitbringt und in Nordrhein-Westfalen investiert", vorfreute sich Clement. Auch Gerhard Schröder, damals noch Kanzlerkandidat, sah eine "glänzende Zukunft" mit Murdoch voraus: "The future is bright." Schließlich wollte der Amerikaner, kumpelhaft in roter Strickweste und graugrün meliertem Jacket bei den Sozialdemokraten erschienen, gut 350 Millionen Euro in Vox investieren. Der Kölner Sender sollte von einer Abspielstation für drittklassige Filme zu einem Topkanal aufgebaut werden. Anderthalb Jahre später jedoch verkaufte Murdoch an Bertelsmann. Auch den Frauensender TM3, dem er durch den Kauf der Rechte an der Fußball-Champions-League zum Aufstieg verhelfen wollte, hat er wieder abgestoßen.

Dieses Mal soll es klappen. Auch wenn Tony Ball, Chef der britischen News-Corp-Tochter BSkyB, den waghalsigen Einstieg ins deutsche Pay-TV schon 1999 abgelehnt hatte - "der Premiere-Deal, das war immer Ruperts Ding", heißt es bei BSkyB. Und der Vertrag trägt seine Handschrift; die ausgefuchste Ausstiegsklausel ist nun Murdochs Trumpf, sich bei Kirch zu bedienen.

Selbst Top-Manager haben kaum Einfluss auf den Patriarchen. Murdoch gilt in seinem Unternehmen als unberechenbar. Ein enger Mitarbeiter: "Ich kann nicht einmal sagen, was er nächste Woche macht."

Mitarbeit: C. Busse, J. Hofer, Handelsblatt

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